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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-11-17 · Heft 47 (17.11.1845) · p. Seite 696

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 47 (17.11.1845)
Date
1845-11-17
Page
Seite 696 (sequence 4)
Language
German
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696 Durch diese Maßregel sollte Europa an den Gedanken, daß zwei Millionen russische Juden der Vernichtung übergeben würden, gewöhnt werden, bieä alä ein fait accompli angesehen werden. Bald ergingen neue Maßregeln, die immer direkter auf daS Ziel losgingen. b) Was bis jetzt das LooS der Juden unter den härtesten Verordnungen noch erträglich machen konnte, war, daß ste unter sich Gemeindeverbände bildeten, welche die natürlichen Zentralpunkte abgeben konnten. Den russischen Juden fehlt nämlich aller Gemeinsinn für das Ganze der russischen Judenheit, Keiner von ihnen sieht über das Weichbild seiner Stadt hinaus. Daher stehen die russischen Juden gem ein den in keiner Verbindung miteinander, so daß etwas Großes, Einiges zur Abwendung ihrer Leiden nie geschehen ist. Aber die Juden jeder Ortschaft bilden, wie überall, eine Gemeinde, ein Kahat. Diese Kahals konnten doch zur örtlichen Erleichterung in jedem konkreten Falle Etwas thun — und man kann durch Geld sehr viel. Die Pfennige der Unbemittelten zusammengenomwen geben immer etwas Erkleckliches ab, womit eine schwere Bürde abgekauft werden kann. In diesen Kahals hatten die Unglücklichen doch immer noch einen Mittelpunkt, der an den Individuen interessirt war. —- Der Scharfblick des Kaisers erkannte daher in diesen Kahals den eigentlichen Lebensmittelpnnkt der Judenheit; diese zu vernichten war daher sein Augenmerk, um so die Judenheit aller innern Verbindung zu berauben, ste der Auflösung preiszugeben, aus ihr eine todte Masse von Atomen zu machen. Der Ukas erschien, der mit einem Male die Kahalsämter anshob, alle Administration der Juden in die Hände der Magistrate legte, ihre Finanzen, ihre Versammlungen, ihre Pflichten und Rechte. .Bei diesem Ukase schrie Europa nicht. Keiner erhob die Stimme — und doch erkannten wir ihn von Beginn an für gefährlicher, als alle bisherigen Schritte. Denn nun hatten die Unglücklichen auch den letzten Schatten von Schutz, von Vertretung, von lokaler Aushülfe verloren; nun stand der Einzelne für sich allein da, und .die Gemeinsamkeit, durch die noch einige Mittel zur Erleichterung herbeigeschafft werden konnte, war auch geschwunden. Das wollte der Kaiser, um einen recht gelockerten Boden für seine weitere.furchtbare Saat zu haben. c) Indem er nun einerseits die Auflösung in die jüdische Masse gebracht, setzt.er andrerseits die Einschnürung mit Energie fort. Wie der Vogelsteller sein Netz immer dichter um die ängstlich flatternden Vögel zusam- . menzieht; wie .die Schlange ihre Ringe um das Opfer, immer fester schlingt — er berechnet den Moment des Todes schon im Voraus. Das nächste war: die Juden vom Lande zu vertreiben und in die Städte zu werfen. Der Ukas ist erschienen. Es ist dies nur die Konsequenz aller bisherigen Schritte: zuerst aus dem Innern in die bestimmten Grenzgouvernemeuts; dann von der Grenze in das Innere dieser Gouvernements; jetzt vom platten Lande in die Städte. O, man hat wieder einen plaustbeln Grund — die jüdischen Schankwirthschaften sollen aufhören, und man kennt ja die jetzige Antipathie der Europäer gegen jüdische Schenken. Aber nun hört einen Reisenden an, der jene Länderstriche zu durchstreifen hatte. Ihr werdet hören, daß diese jüdischen Schenken die einzig^ Rettung der Reisenden sind; daß es gar keine anderen Wirthshäuser giebt; daß sie, trotz., ihrem Schmutze, doch noch die einzigen Oasen in der russischen Schmutzwüste sind, und daß man bis jetzt nicht begreifen kann, wie ohne diese jüdischen Schenken in Rußland gereist werden solle? Allein — reisen soll man ja auch nicht in Rußland! —• Man wirft also 100,000 Familien mehr in diese Städte hinein — da erstickt, erdrückt euch, zehrt euch einander auf! Man nimmt einen Ungeheuern Bienenschwarm, wirft ihn in einen leeren Korb, verstopft die Oeffnung, und höhnt: macht Honig und Wachs! — — Aber sollten denn diese Städter ganz ungestört bleiben? wie leicht könnten sie sich helfen? wie leicht Mittel auffinden, sich denoch zu erhalten? d) Dagegen läßt es sich aufkommen. Die Hauptsache ist, die einmal in's Elend gerathen sind—und dies sind 9/io> ber ganzen jüdischen Masse — die muß man festhalten, daß sie sich aus diesem Elende nicht helfen können, so schwer dies auch sei — diesen müssen alle Existenzmittel abgeschnitten werden, daß sie mit einem Male ganz und. gar am Abgrunde siehe», daß sie nicht einmal langsam verschmachten könuen, sondern den Hungertod am andern Morgen vor Augen haben: dann ist endlich die alleinige Wahl für sie gekommen. Gut. Man trennt durch einen Ukas alle Juden in. Besitzende und Besitzlose; die Ersteren können ihr Gewerbe weiter treiben; dieAnderen erlangen kein Bürgerrecht, können daher kein Gewerbe betreiben, auf's Land können sie auch nichtalso: verhungern mit. Weib, Kind und Eltern, oder — in die russische Kirche gehen. Dies ist das.treue Gemälde, wie die russischen Juden behandelt werden. Die Farben sind durchaus wahr, sie .sind nicht einmal stark aufgetragen — im Gegentheil

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