Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1845)
- Date
- 1845-11-17
- Page
- Seite 694 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225437--07328-3237211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
694 in der aktiven Armee oder in der Flotte zugelassen werdM solltem: sondetzn hn drei MWtllrarffe^sstätzteiU, oder' zw H amtzMe^keyu, oder auf den Kaukasus gesendet, werden sollen. Abgesehen von der beschimpfenden Entehrung, die in diesem Ukase liegt, ist es natürlich, daß nicht alle Rekruten den moralischen Much haben, sich diesem Schicksale hinjugeben; leider! sind schon Viele übergegangen, noch Mehre werden nach fürchterlichem Kampfe übergehen, und das erweckt — Freude , in den höheren Regionen! Dies die Rekruten, und die gedienten Soldaten jüdischen Glaubens? Der Kaiser läßt 'sich von Zeit zu Zeit die Listen der Uebergetretenen zeigen. Da hat cs denn der Oberst schlimm, der einVaertt zu bezeichnen hat. Neulichst.wurde Einem darüber der kaiserliche Unwille bezeugt, und siehe da, am andern Morgen wurden 800 jüdische Soldaten unter Trommelschlag, SäbelundKnutenschwingen in die Kirche — getrieben: nur zwei starben lieber. Vernimmst du das, neunzehntes Jahrhundert? — 2) Aus diesem Proselytismus-Fanatismus entsprangen alle neueren Hebräerverordnuugen. Man kennt die letzte dieser vom Jahre 1835; sie ist auch in dieser Zeitung weitläufig mitgetheilt worden; mit welchem Beifall wurde fie in Deutschland ausgenommen; wie entzückt war man über die Rechte, die die Regierung den jüdischen Kaufleuten, Handwerkern, Landbauern, Gelehrten und Künstlern zugestand! Aber unter den Blumen lauerte die Schlange, nie war ein Beifall ungegründeter! Wir in Deutschland beurtheiltcn damals diese Verordnung nach den Verhältnissen der deutschen Juden und im Vergleiche mit diesen, die hier und da noch ringen müssen, einen alten Stiefel flicken zu dürfen. Da war sie eine günstige. Aber im Vergleich zu den Privilegien, die die Juden von polnischer Zeit her hatten und ausübten, war der Ilkas höchst beschränkend und arbeitete lediglich dem ProselytismuS in die Hände, thut dies aber noch mehr durch die Art und Weise, wie er angewendet wurde. Zur Bekräftigung dieser Behauptung folgende Thatsachen: a) Schon im Jahre 1825 hatte der Kaiser alle Juden, die in Petersburg und Moskau wohnten und dort ihre Synagogen hatten, aus diesen Kaiserstädten zu vertreiben befohlen, wenn sie sich nicht taufen lassen wollten, nicht auf Alter, Stand, Vermögen, Nahrungsverhältnisse zu sehen befohlen — jetzt zählen beide Hauptstädte mehr als 30,000 getaufte Juden. \ Ir) In den Jahren 1835—39 erfolgte die Austreibung der Juden auH Kiew, welches das russische Rom ist^ aus RMlajew und «Wewasippol am sch wetzen. Meere; man', gab vor, aus dieftu letzteren die. Juden der Gjcherheit wegen entfernen M müssen — aber man wollte sie nur zur Taufe zwingen; Viele fielen ab, die Anderen waren an den Bettelstab, in das äußerste Elend gebracht. e) Das innere Rußland wurde den Juden immer strenger verschlossen, so daß Hunderte von Familien, Kaufleute, Fuhrleute ff., die von dort ihren Erwerb zogen, br odlos wurden. Sie wurden festgeschnürt in den Paar Gouvernements, und von Jahr zu Jahr steigerte man für sie die Unmöglichkeit, über die Grenzen ihrer Gouvernements auch nur zeitweise zu gehen, damit sie in diesen sich selbst ersticken sollen. d) Ebenso erging es mit den Ackerbauern. Im Jahre 1837 wollte ein großerTheil der kurländischen Juden sich — in Sibirien anfiedeln. Der Finanzminister, Graf Kankrin, unterstützte nachdrücklichst dieses Unternehmen, allein der Kaiser — verwehrte ihnen, nach — Sibirien zu ziehen. — Im Jahre 1840 wurden Ansiedler nach Cherson gebracht. Die Hälfte kam auf der Reise um, die andere Hälfte verschmachtet dort in größter Noch, weil Cherson ein Land ohne Bäume und Regen ist, das andere Bebauer fordert, als Juden, die niemals an den Ackerbau gewöhnt waren, und nun im buchstäblichen Sinne aus Steinen Brod machen sollen. Uebrigens glaube man, daß man mit all' diesen Ansiedelungsprojekten durchaus nicht die Juden an einen bestimmten Erwerb, eine geregelte Thätigkeit gewöhnen, sondern sie uur ihrer jetzigen Kulturstufe entfremden, der geistigen Rohheit der russischen Bauern nähern, und damit den Widerstand schwächen will, den der Jude bis jetzt den schrecklichsten Versuchen eines konsequenten, starren ProselytismuS entgegengestellt hat. ' e) Dieselbe Bewandtnis; hat es mit den Handwerkern. Die Handwerker sind unter den russischen Juden bei weitem nicht so selten, wie noch immer verhältnißmäßig unter den deutschen. In Rußland treibt der Jude alle Handwerke, nur nicht so gut, wie in Deutschland, weil er nirgends Gelegenheit hat, sie so gut zu erlernen, und weil nirgends das Bedürfniß ihn zwingt, sie besser zu verstehen. Ein Hauptgrund, warum der russische Jude dem deutschen an Bildung so weit nachsteht, ist, daß er nicht, wie in Deutschland,funfzigfacher Minorität in jeder Stadt ist, und sich in Sitte und Lebensart der Majorität anschließen muß, und daß er nicht, wie in Deutschland, den großen Bürgerstand hat, dem er sich anschließen kann.