Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1845)
- Date
- 1845-11-03
- Page
- Seite 679 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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679 zu dem entsetzlichen Wahne Anlaß, die Juden seien durch Vergiftung der Brunnen die Urheber des Verderbens. Furchtbar ward gegen sie gerast. In Krems, Stein und Mautern wurden beinahe alle Juden erschlagen. Mehr befreit von den unmenschlichen Verfolgungen waren sie doch in Wien, durch den kräftigen Schutz Herzog Albert des Waisen. Allein die fanatische Wuth des Volkes war noch lange nicht getilgt. Im Jahre 1371 wurde Herzog Leopold bestimmt, die Juden ganz aus Wien zu verbannen. Sie kehrten aber bald wieder zurück, duldeten wechselweise die härtesten Verfolgungen, bis sie im Jahre 1420 aus ganz Oesterreich vertrieben wurden. — Doch wir übergehen flüchtig die schauerlichen Szenen; es übersteigt die Begriffe der Menschlichkeit, mit welcher thierischer Wuth Tausende unschuldiger Menschen eines Aberglaubens wegen hingemordet wurden, und mit welcher Entschlossenheit sich hinwiederum die Juden, um nicht dem wüthenden Pöbel anheim zu fallen, einander den Tod gäbest. Zwar gelang es ihnen wieder durch die Macht des Geldes in Oesterreich und selbst in Wien Eingang zu finden; sie wurden aber immer durch die stets erneueten Ausweisungsdekrete von den folgenden, ihnen nicht geneigten Regenten und andere Erschwecungsgesttze z. B. der von den Jesuiten 1551 erlassene Befehl, einen runden, gelben Fleck von Tuch an dem Oberkleide zu tragen, aus ihrer kurzen Ruhe ausgcschreckt. Besonders hart verfolgte sie Mathias Corvkn, König von Ungarn. Unter Ferdinand I. lebten sie, obwol er ihre Abschaffung 1544, wovon nur der sogenannte Mandeljud zu Iistersdocf und die Städtchen Güns und Eisenstadt ausgenommen worden, bestätigte, ganz ungestört. Diese so unsichere Lage dauerte bis 1625, wo ihnen Ferdinand II. auf den unterm Wecd (oder heutige Leopoldstadt) ein Ghetto anwies, aber auch nur von kurzer Dauer war. Nachdem sie zwei harte Verfolgungen erlitten, 1649 durch einen Auflauf der Studenten, 1668 beim Brande der kaiserlichen Burg, dessen Schuld man, nach gewöhnlichem Brauch, auf die Juden welzte, wurden sie wieder 1670, der einzige M. Schlesinger, wegen wichtiger dem Hofe geleisteten Dienste, ausgenommen, gänzlich ausgewiesen. Aus der Synagoge wurde in Folge die St. Leopoldspfarrkirche gemacht, wozu Kaiser Leopold I. den 11. August 1670 den Grundstein legte. Kaum war wieder ein Dezenkum verstrichen, so wußten sie sich neuerdings selbst beim Monarchen geltend zu machen und erhielten wieder Duldung in Wien, die leider durch einen blutigen, aber doch letzten Auftritt dieser Art in Wien, des,Hofjuden Samuel Oppenheimer's wegen, im Jahre 1700 getrübt wurde. Doch hierüber können wir den Leser auf die hebräische Zeitschrift nsp'h ‘'TDS verweisen, wo darüber ausführlich nebst den Urkunden abgehandelt. Die Regierungsperioden des edeln Josephs I., Karls VI. und der großen Maria Theresia, die die Uebergangszeit zum glänzenden Zeitalter Joseph II., des Vaters der erhabenen und erhebenden Toleranz ausmachen, ist wol den meisten Lesern bekannt und wir können uns noch kürzer fassen. Obgleich Maria Theresia im Anfänge ihrer Regierung, des auf manchen Juden lastenden Verdachtes wegen, daß sie sich mit dem Feinde im Einverständnisse zeigten, manches harte Edikt, wie die Vertreibung der Juden aus ganz Böhmen, erließ, so siegte doch bald ihr erleuchteter Geist. Und sie war es auch, welche der israelitischen Nation die älteste und liberalste Duldung in Europa gab. Wir sind nun zu der Regierung des gepriesenen Joseph II. gelangt, und wir brauchen gar nicht dem geehrten Leser das Toleranzedikt und die Erlasse „wegen der Juden" vom 2. Januar 1782, deren Aufgabe es war, „alle demüthigende und den Geist niederschlagende Zwangsgesetze zu beseitigen", in's Gedachtniß zu rufen, da sie nur allzu bekannt sind. ' Doch mögen hier einige Auszüge aus der halbämtlichen Erklärung, die bestimmt war, den öffentlichen Geist, auf die zu erlassenden Maaßregeln vorzubereiten, ein Plätzchen finden. „Diese sonderbare Nation, die, auf der ganzen Erde zerstreut, doch eher einen Nationalgeift hat, als jede andre, die in einem Lande zusammen lebt, und die ihn unter allen Himmelsstrichen beibehält, nährte sich meistens vom.Kleinhandel u. s. w. Es dahin zu bringen, daß die Juden statt des Zwergsackes den Karst ergreifen und zur Erwerbung der Landesprodukte auch das Ihrige beitragen, mithin dem Staate so nützlich sind, als sie sein sollten, und vielleicht konnten." Nach gleich milden und weisen Grundsätzen heißt es in der Judenverfassung vom Jahre 1807 Kaisers Franz I.: „damit die'Gesetzgebung den Unterschied, welchen sie bis dahin zwischen den christlichen und jüdischen Untecthanen zu beobachten genöthigt war, endlich ganz aufzuheben in Stand gesetzt werde." Allein wieviel ist hier noch zu thun übrig und wie klein sind die Fortschritte, die seitdem gemacht worden sind! — Allenfalls verdient es eine ehrende Anerkennung, daß die Kaiserstadt im Ganzen gegen die Ju-'