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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-11-03 · Heft 45 (3.11.1845) · p. Seite 670

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 45 (3.11.1845)
Date
1845-11-03
Page
Seite 670 (sequence 2)
Language
German
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670 len Massenversammlungen,, von allem Wirken auf 'die Müssen., von ckffeA. Vokkstridunwosen, vön allem lärtnon- -dett LreibM Pnd Drängen, von aller Marktschreierei, 'von aller Ostentation gehalten hat. Unsre Reform geschieht öffentlich; alle Akten liegen vor, alle Thatsachen gehen öffentlich vor. Aber man drängt sich nicht in die Oeffentlichkeit, man erzwingt sie nicht, ja man sieht bei uns immermehr ein, daß ein allzu frühes Proklamiren die Blüthe der That vergiftet und so viel Staub und Schmutz aufregt, Laß das zarte Gewächs davon erdrückt wird. Ein dritter Vorzug ist, daß die Reform im Judenthume sich an keine Persönlichkeit knüpft, und von ihr abhängig ist. Wir können wol Männer nennen, die seit einem Jahrhundert, seit einem Dierteljahrhundert, seit einem Dezennium, Lusirum, Zahre der Bewegung durch ihr Wort und Werk immer von Neuem Impulse gegeben; wir können Männer neunen, welche die Träger und Hebel der Reform waren und sind, um dje sich Gruppen lehnen von mehr oder minder großer Bedeutung. Aber es ist keine Persönlichkeit zu nennen, welche die Bewegung hervorgerufen, welche sie beherrscht und. allein gestaltet, und immerfort in ihr Richtung und Fortschritt repräsentirt. Aber wir sind, Gott sei Dank! hiermit nicht einmal zu Ende. Oder können wir das nicht als einen hohen Vorzug geltend machen, daß die Reform im Judenthume ebensowol eine Bewegung der Laien wie der Geistlichen ist? Wir nehmen hier das Wort „Geistlicher" durchaus in keinem priesterlichen oder hierarchischen Sinne, sondern bezeichnen damit diejenigen Personen, welche die Gemeinden, als Lehrer der Religion innerhalb der Synagoge und zur Verrichtung der Kultusfunktionen, die hiermit verbunden sind, bestellt haben. Stellen wir diese, mögen sie nun Titel führen, welche sie wollen, vermöge ihres Lebensberufes in einen gewissen Gegensatz zu der Gemeinde selbst, deren Glieder weltlichem Berufe obliegen: so freuen wir uns, daß eben die Reform beiden Theilen angeh'ört. Sie ist von den jüdischen'Geistlichen nicht gemacht, denn sie hat sich in der ganzen Masse zuerst als Wunsch, dann als Bedürfniß, endlich als Nothwendigkeit herausgebildet. Aber sie ist von den jüdischen Geistlichen nicht gehemmt, denn genug der Letzteren haben ihre ganze Richtung in ihr wieder gefunden und sie zum Inhalte ihres Lebens gemacht. Hierzu kommt nun das Hauptsächliche: daß die Reform im Judenthume nicht als eine Umwälzung, sondern als eine Entwickelung auftritt. Sie hat sich langsam worbevcitet, sie äst m '-sich entwickeln dem Bewußtsein 'von Stufe zu Stuft/gegangen, von Unwesentlichem zn Wesentlichem, vom Aeußern zum Innern; sie lst daher nicht als eine fertige aufgetreten, sie erkennt sich jetzt noch nicht als fertig. Ferner: sie bricht nicht mit der Vergangenheit, sie sucht auf dem Boden des Bestehenden sich aufzubauen, sie verarbeitet das Bestehende immer wieder nach ihren Bedürfnissen und seinem Elemente. Es hat daher die Reform nirgends einen wesentlichen Bruch herbeigeführt, sondern man strebt überall im Zusammenhänge, in Einheit zu bleiben. Daher diese herrliche Toleranz, die sich gerade bei der Reform im Judenthume kund thut; denn, abgesehen von lokalem und individuellem Zelotismus, und abgesehen von den Schmähungen, die giftschwangere Skribenten ausgießen, leben überall die Anhänger des Alten wie die der Reform in Ruhe, friedlichem Verkehr und anständigem Verhalten, und nur da ist Zank und Streit in den Gemeinden, wo sich die Reform in ihren Anfängen um nichtige Aeußerlichkeiten dreht. Ueberlegen wir dieses und beachten die Ruhe,' die Toleranz, die Wissenschaftlichkeit und die Bildung, mit der die Reform im Judenthume ihren Entwickelungsgang geht, so müssen wir uns Glück wünschen, so müssen wir uns davon erhoben und veredelt fühlen, und können dreist allen Zeitgenossen zuruftn: Lernet von uns! Daß wir hierzu noch hinzuzufügen brauchen: alle Edeleu und Ernsten in Israel mögen das Ihrige dazu beitragen, diesen Gang weiter einzuhalten, und uns von Nichts darin beirren zu lassen — versteht sich von selbst. — Werfen wir daher einen Blick auf den Standpunkt der Reform in dieser Stunde, so sehen wir, daß das Resultat mit dem Obigen übereinstimmt. Die Partei, welche starr die Reform verbannt und nichts als den ganz alten Stand behalten will, schmilzt immer mehr zusammen. Andrerseits sehen wir die Reform in den verschiedensten Stadien begriffen. Man hat dies beklagen wollen, man hat dies als eine Art Auflösung betrachtet. Mit großem Unrecht. Sollte die Reform von keiner Persönlichkeit ausgehen, sondern eine allgemeine Bewegung sein, sollte sie nicht als fertige, enschiedene, bereits zu Ende seiende auftreten, sondern in der Entwickelung: so mußte sie auch temporelle und lokale Färbung annehme», und in dieser allseitigen und tüchtigen

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