Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1845)
- Date
- 1845-10-27
- Page
- Seite 666 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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666 also nicht wie in den deutschen Gauen die Söhne Juda's noch vor dem Einzuge der Germanen das Land bewohnt, das Aeminius den Römern entrissen, wie dies auf einem der letzteren Landtage in einem deutschen Staate erwähnt wurde — wenn also die Israeliten das heutige Böhmen nicht mit den Bojern zugleich bewohnt, so ist es doch mehr als wahrscheinlich, daß sie mit den Markomanen nach Böhmen kamen und so waren sie also schon in Böhmen angesiedelt, bevor dies noch von den Czechen, den heutigen Bewohnern dieses schönen Kessellandes geschah. Wollte man aber diese fast an's Gewisse grenzende Behauptung bestreiten, so ist es doch immer durch historische Belege erwiesen, daß die Israeliten schon vor den Zeiten der Libussa, also vor dem Jahre 700 n. Ehr. in Böhmen wohnhaft waren. Vergl. Hyllos, Prag 1819.) Welch ein erhabenes Bewußtsein beseelt nun den Israeliten in Böhmen. Er hat das Bewußtsein, daß alle die Päcogative, die man ihm um den Besitz seines theuern Vaterlandes streitig machen wollte, ihn mit Recht gebühren. Wer kann es ihm also da verargen, daß er sich fest an der Scholle anklammert, die er in grauer Vorzeit sowie in den jüngsten Tagen der Gefahr erringen und vertheidigen hals. -Aber ein noch höheres Bewußtsein muß die Brust eines jeden Israeliten Böhmens weit ausdehnen: denn wahrend noch auf den Altären in den heidnischen Tempeln der Vorzeit die Statue des blühenden Jünglings Swantowjt prangte, beugten in den weiten herrlichen Gauen Czechiens die frommen Zionskinder schon lange vor dem alleinigen Gotte ihr Knie!*) *) Dieser Aufsatz war bereits beendet, als mir „Kohl's Reise in Böhmen, Dresden und Leipzig" in die. Hände kam. Wenn auch dies Buch bedeutende, vorzüglich den Böhmen in die Augen springende Unwahrheiten enthalt, so will ich doch zur Rechtfertigung meiner eben angesetzten Behauptung einige Zitaten aus diesem Buche anfügen. Seite 161 und weiter heißt es: „An und für sich liegt daher nichts Ungereimtes in der Behauptung der Juden, daß sie schon 1200 Jahre hier auf dem Bauplätze von Prag wohnen, wenn gleich es sich noch fragt, ob ihnen dies ihre Leichensteine beweisen können. Ja man könnte es sogar als ziemlich gewiß annehmen, daß schon der große König Marbod, der Zeitgenosse August's, der so Vieles von der Römern annahm, auch Juden von ihnen nach seiner Residenz Macobudum überkam. Sollten sie nicht auch schon in dem vorchristlichen Bubienum gesteckt haben, das vor dem Eindringen der Markomanen die Hauptstadt der Doch alle die Zeugnisse, die uns von der Anwesenheit der Israeliten in Böhmen in seiner Urzeit Beweise geben, beschranken sich zum größten Theile auf ihre Ansässigkeit in und um Prag. Zu welcher Zeit ihre Verbreitung im Lande stattfand, ob die Entstehen der Land-' gemeinden überhaupt noch in der vorchristlichen Zeit Böhmens vor sich ging — darüber sowie über noch manches Andere, was die Ansiedlung der Israeliten auf dem stachen Lande betrifft, schweigt die Geschichte Böhmens, oder richtiger gesagt, darüber nachzuforschen hat bis jetzt für keinen unserer Historiographen in der Alt- und Neuzeit Interesse gehabt, doch bin ich gewiß über zeugt, daß der rüstige Forscher sich nicht vergebens-bemühen würde. Hier, wo es sich zukrachst um die israelitischen Zustände im königgrätzer Kreise handelt, ist in dieser Beziehung leider! das kleinste Feld eröffnet. Alle die geschichtlichen Daten, die sich vorsinden, zeugen nur von ihrer Anwesenheit im Mittelalter; doch die Lage des königgrätzer Kreises, die Größe und Wichtigkeit desselben für Böhmen überhaupt und für den Kommerz insbesondere laßt ebenfalls mit mehr als Wahrscheinlichkeit schließen, daß schon in der frühem Zeit dieser Theil des Landes von den Kindern des alten Bundes bewohnt geworden sei. Jedenfalls ist es gewiß, daß in früherer Zeit die Israeliten in dem königgrätzer Kreise weit zahlreicher waren als es jetzt der Fall ist. So z. B. soll einst in dem Städtchen Skalitz auf der Herrschaft Nachod, wo jetzt nur eine einzige Familie wohnt, früher eine große Jsraelitengemeknde bestanden haben. Für die Wahrheit dieser Behauptung sprechen die Umstände, daß man noch heut zu Tage an den ältesten hölzernen Häusern dieses Städtchens Thürfosten findet, welche an ihrem obern Ende ein längliches schmales Rechteck eingeschnitten haben, worin deutlich die Spuren einer früher dagewesenen iiriVD zufinden sind; auch findet man dort Rudera von jüdischen Grabsteinen, die durch ihre Verwendung zu Thürschwellen und zu Stegen über schmale Gräben so sehr gelitten haben, daß man fast mit Mühe nur einige einzelne Buchstaben erkennen, durchaus aber keiceltischen Bojer war und ebenfalls an der Stelle von Prag lag, wo noch jetzt ein vor den Thoren der Stadt liegendes Dorf Bubenetz heißt. Es könnte dann sein, daß das Judenthum in Böhmen älter sei als Heiden- und Chcistenthum und älter als Deutsch- und Slaventhum."