Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1845)
- Date
- 1845-10-27
- Page
- Seite 660 (sequence 4)
- Language
- German
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660 erkannten, daß man die Andacht, welche nicht ein Jeder zur Genüge nach dem Gotteshause mitbriugt, außer der Herstellung einer würdevollen Ruhe, auch noch durch äußere Feierlichkeit, und besonders der des Gesanges, an-' regen müsse, haben die Letztere durch Anstellung musikalisch gebildeter Kantoren und, oft mit Ueberwindung großer Schwierigkeiten, durch Einführung von Chören und für dieselbe bestimmten neuen Gesangstücken und Me-' lodieen herzustellen gesucht. Allein da diese Bestrebungen fast nur vereinzelt in den Gemeinden stattfanden, so mußten sich außer dem großen Mangel an Einheit und Gleichheit des Gottesdienstes, nothwendig auch noch viele andere Mängel Herausstellen. Nicht nur singt ein jeder Kantor in den verschiedenen Gemeinden Deutschlands seine eigenen Weisen, sondern er singt sie auch, je nachdem Talent und Kenutniß bei ihm ausgebildet wurden, mehr oder minder vollkommen, dieses, von dem Alten vielleicht noch Passende verwerfend, jenes, durchaus Ungehörige, beibehaltend, oder Beides nach Willkür, wenn nicht gar regellos und unziemlich vermischend. Besonders zeigt sich, da die bisher herausgekommenen Gesangbücher nur die eigentlichen Gesangstücke , welche mit Chor gesungen worden, umfassen, eine große Rathlosigkeit der minder gebildeten Kantoren in kleinen Gemeinden iw Bezug auf ihren eignen Vortrag sowol der Sabbat- und Festgebete, als auch und insonderheit der Piutim an üWii trw. Diese Letztere pflegen besonders die Klippe zu sein, an der die Meisten scheitern und zurück in das Gleis des alten Singsangs verschlagen werden, wovon ich Lurch eine große Anzahl von Briefen, in denen ich mit Fragen über obgenannte Gegenstände überhäuft werde, überzeugt bin. Hierzu kommt auch noch die Ungleichheit der Aussprache der hebräischen Vokale, und es macht einen durchaus unangenehmen Eindruck auf den Hörer, wenn er in den verschiedenen Städten ein und dieselbe Sprache verschieden aussprechen hört. Aus dem Gesagten leuchtet ein, wie nützlich, ja wie nothwendig es sei, Einheit in den Gottesdienst. sämmtlicher Synagogen Deutschlands zu bringen und zwar eine Einheit, die den Bedürfnissen der Zeit allenthalben entspricht. Der Gottesdienst soll nicht nur für wo möglich , alle Gemeinden derselbe, sondern auch ein gleich erhebender, Andacht eweckender und das religiöse Gemüth befriedigender sein. Das Innere unsres Gottesdienstes, der Inhalt unserer Gebete ist meifientheils an Erhabenheit, Heiligkeit und religiöser Weihe fast unübertrefflich, umso mehr liegt es uns ob, ihm auch das Aeußere Adäguat zu machen, alle obgedachten Mängel hinwegzuräumen, die trefflichen und ausgezeichneten Gebete mit passenden Melodiken zu versehe», um dadurch die Andacht des Betenden desto mehr zu erhöhen, sein Gemüth desto tiefer zu ergreifen, auf daß nicht fürder, wie es leider bis jetzt noch häufig der Fall war, auf so vielen von uuS anwendbar seien die strafenden Worte des Propheten Jesaias: , vnDtoi tds i-nn löga pn-i Könnte man nun auch einzelnen dieser Mängel durch schriftliche Mittheilung abhelfen, von diesem oder jenem Gebete Kompositionen anfertigen und veröffentlichen, so wäre dieses doch immer nur Stückwerk und durchaus unzulänglich. Das einzige Mittel unfern Gottesdienst zu verschönern und zu erheben, zu vervollkommnen und ihm eine Einheit zu verleihen, scheint mir eine Versammlung von Kantoren zu fein*), welche sich dieses zur Aufgabe stelle». Diese müßten dann vor ihrem Zusammentritte nach Maaßgabe ihrer Kräfte musikalische Arbeiten vorbereiten, aus denen in der Versammlung die geeignetsten ausgewählt und von allen Mitgliedern in ihre Synagogen eingeführt werden. Auch über alles Andere, was etwa in dieses Fach schlägt, hätte die Versammlung Berathungen zu pflegen, und die betreffenden Gemeinden würden dann den Resultaten derselben um so weniger ihre geneigte Zustimmung versagen, vielleicht auch dürfte mau von denselben, da das Bedürfniß einer Verbesserung unseres Gottesdienstes so allgemein gefühlt wird, fernere Unterstützung zur Ausführung dieses Vorschlages erwarten. Ich habe durch das Gesagte meinen Vorschlag nur ganz im Allgemeinen vorgetragen, und indem ich den innigen Wunsch hege, daß derselbe recht vielen Anklang finden möge, bitte ich alle diejenigen, welche sich dafür interessireu sollten, sich wegen des Weitern gefälligst an den Herrn Redakteur dieses Blattes wenden zu wollen, welcher gewiß nicht verfehlen wird, nach gewohnter Weise auch dieser guten Sache seine gewiß sehr einflußreiche Theilnahme zu widmen. Möge auch der allgütige Gott uns seinen Beistand hierin nicht entziehen, auf daß es uns gelinge trhba* rpa’n« önnb H. Goldberg, jüdischer Kantor und Religionslehrer __;_ . zu Braünschwekg. *) Sehr wünschenswerth wäre es, daß auch Rabbknatskanditaten, welche eine musikalische Bildung genossen haben, uns ihre Theilnahme durch persönliche Anwesenheit und sonstige Mitwirkung gönnen wollten.