Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1845)
- Date
- 1845-10-20
- Page
- Seite 648 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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648 den zu einem großen Lheile aus solchen, welche seit Dezennien gar keinem Gottesdienste, selbst an diesen Feiertagen, beigewohnt haben; zu einem andern Theil aus solchen, welche in der Gemeindeschule, zu einem dritten, welche in der Synagoge ihre Andacht zu verrichten pflegten; endlich waren auch mehre Orthodoxe einige Zeit da,, die ein Urtheil sich gewinnen wollten. Allein unter allen Diesen war Keiner, der nicht von dem Adel, von der Erhabenheit und Würde, welche die ganze Feier auch nicht einen Augenblick verlor, ergriffen, erschüttert wurde. Das Resultat ist daher für die Genossenschaft sehr günstig: eine große Zahl namhafter Familien hat bereits ihren Beitritt erklärt; der Andrang nach festen Stellen war so groß, daß viele Hunderte zurückgewiesen werden mußten; und der Wunsch nach einem fortlaufenden, regelmäßigen Gottesdienste ist so groß, und wird so vielfach und dringend ausgesprochen, daß an dessen Realisirung gedacht werden muß. Da es der Genoffenschaft nicht möglich gewesen, schon ein Lokal auf längere Zeit zu gewinnen, so wurde das „englische Haus," ein sehr anständiges öffentliches Lokal, für die Feiertage benutzt. Es war ein großer, hoher, einfach, aber sehr nobel geschmückter Saal, mit zwei Gallerieen, und zwei bedeutenden Vorsälen. Hier war auf der einen Seite ein anpin -,1-18 mit rothem Sammtvorhang und der Kanzel davor, höchst geschmackvoll, in Weiß mit Gold, aufgebaut, wozu von beiden Seiten eine Treppe hinaufführte. . Unter der Kanzel war das Betpult des Vorbeters, ebenfalls in rothem Sammt, angebracht, er stand auf einer mit Teppichen belegten Estrade, das Angesicht zur Lade gewandt. Neben der Lade und in gemeffnen Distanzen an der ganzen Seite waren Tafeln aufgestellt, welche Bibelsprüche in hebräischer und deutscher Sprache, in Goldlettern trugen. Auf der einen Gallerie befand sich die Orgel, auf der andern der zahlreiche Chor. Der ganze Saal, außer dem Raume um diese Tribüne, war mit festen Stühlen gefüllt, 450 an der Zahl. Sie waren durch einen Zwischenraum in zwei Partieen gebracht, von denen die rechte die Damen, die linke die Männer einnahmen. Schon beim zweiten Gottesdienste waren auch die Vorsale gefüllt, und man mußte auch in diesen theils feste Plätze, theils Stehplätze eknrichten, ebenso auf den Gallerieen, wo nur Raum war, so daß über 800 Personen am Gottesdienste Theil nahmen,, eine große Zahl aber völlig zurückgewiesen werden mußte. Nicht aber die Zahl ist die Hauptsache, sondern der Geist, der in der Versammlung herrschte. Präzise sing der Gottesdienst jedesmal an, Niemand kam zu spat, Niemand verließ den Gottesdienst vor dem Ende, Niemand stand auf von seinem Platze, als zur bezeichneten Stelle, selbst Husten und Räuspern unterdrückte Jeder, nur das eine Geräusch vernahm man, wenn ein Blatt des Gebetbuches umgelegt ward, wo das durch die ganze Versammlung gehende Knistern abermals für die ununterbrochene Aufmerksamkeit der Gemeinde zeugte. Der Chor, nur aus jüdischen Herren und Damen bestehend, unter der Leitung des Herrn Julius Stern, eines berliner Israeliten, . der aber jetzt in Paris domizilirt und beim Conservatoire angestellt ist, für einige Zeit aber in seiner Vaterstadt anwesend war, leistete Treff-- liches. Die Gesänge waren sehr angemessen. Die Gemeinde nahm nach sehr kurzer Zeit an den für sie bestimmten Partieen auf's lebhafteste und gewandteste Antheil. Die Predigt schloß sich dem Gottesdienste würdig ein. — Das Publikum saß während des ganzen Gottesdienstes, außer bei Jsia, i-iwinp, Aus - und Einheben der Tora, dem Priestersegen, und am & bei nbom und dem deutschen , wo es sich wie Ein Mann erhob bis zum Ende der gedachten Stellen. Das Vorbeteramt hatten Herr Dr. Stern, Herr Rebenstein und Herr Simion übernommen. Wie wir schon in den vorhergehenden Nummern bemerkt, ist der ganze Gottesdienst deutsch, bis auf sw, tjia ‘■phs, mmp, M'-nnü na^p, rD'-ö, trsns und am Vorabend von sn r rftosi, so wie am Schluß sw, diö Kitt 'n.— Eine besondere Bettracht war nicht gestattet, ein schwarzes Käppchen konnte wer wollte auf dem Haupte haben, doch sah man nur wenige. Der Prediger trug seinen Talar, den Talith, das Käppchen, der Vorbeter ein seiones Mäntelchen. Die Vorlesung aus der Tora geschah erst hebräisch, dann deutsch, aufgerufen ward nicht. Der Priestersegen wurde zuerst am Schluß der Predigt vom Prediger deutsch gesprochen, worauf der Vorbeter hebräisch Wort für Wort, das der Chor nach (sehr angemessen gefetzter) alter Synagogenmelodie ebenso wiederholte. — Gepredigt ward vom Dr. Philippson beide Tage Rosch