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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-10-13 · Heft 42 (13.10.1845) · p. Seite 640

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 42 (13.10.1845)
Date
1845-10-13
Page
Seite 640 (sequence 8)
Language
German
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640 regung hemmenden Satzungen, man wolle Aufschwung, Begeisterung und Liebe und das zu bewirken, müsse die Versammlung lediglich das praktische Moment im Auge behalten. — Darauf ließe sich nun zwar erwidern: da die Zeremonieen der Ausdruck irgend einer höhern Idee sein müsse, so sei es nöthig, daß diese Idee erst festgestcllt, von denjenigen anerkannt werden müsse, die die Zeremonieen für sich adoptiren, da sie sonst eine Lüge, eine gedankenlose Scheinverrlchtung bleibe. Dieser Einwand jedoch trägt blos den Schein der Wahrheit. Allerdings ist die Zeremonie der Ausdruck einer Idee, zunächst und zuvörderst aber ist sie da, um daS Gemüth anzuregen, den Geist zu erheben und den gläubigen Sinn zu beleben; wenn der Gottesdienst erhebend und feierlich ist, wenn er eine Fülle von Einrichtungen und Gebräuchen bietet, die den frommen Sinn von der Allgewalt tiefergreifender Empfindungen fortreißen laßt, dann ist er wahrhaft rein und schön, gleichviel ob die Prinzipien, die ihm zu Grunde liegen, von allen, die in ihm sich gehoben ffifei, anerkannt werden. — Nachdem nun Geiger dieWabbinerversammlung von diesem Vorwurf über die Prinzipiettfrage-mittScharfsinn und Beredtsamkeit zu verwahren gesucht/ ging er auf die Erklärung des positiv-historischen Standpunktes, auf dem die Rabbinerversammlung basirte, ein, und schritt zur Erörterung der Frage: wie es denn eigentlich mit Ldem Talmud stände? indem er hinzufügte, daß er herüber nur seine subjektive Ansicht mittheilen wolle. Wenn ihn Jemand fragte, ob er den Talmud anerkenne, so müsse er „ja" und „nein" antworten. Es sei nicht zu verkennen, daß auch im Talmud die Macht deß Geistes, der Faden der lebendigen Entwickelung, der-historischen Fortbildung zu finden sei, dieser habe bei der reifem Heranbildung, den geläuterten Ansichten, der zunehmenden Sittlichkeit des Volkes vielleicht unbewußt manche biblische Gebote modifi'ziren, manche Aufhebungen und neue Schöpfungen veranstalten müssen, wie dies viele Beispiele erhärten, das sei das sogenannte talmudische Judenthum; doch der Talmud habe unbewußt der Zeit diese Konzessionen gemacht und sich in Widerspruch mit dem Worte der Bibel gesehen, den er dadurch ausglich, daß er durch eine falsche, verzweifelte Exegese alle neuen Aenderungen und Einrichtungen, die die Zeit geboten und der er unbewußt gehorcht hatte, den Worten der Bibel unterstellte und behauptete, die Bibel habe nichts Andres gemeint und ausdrücken wollen, als was jetzt geschieht. Auf diese Weise sei alle Entwickelung geläugnet, alle Fortbildung getödtet worden, indem man behauptete, daß das Neue nicht neu sei, sondern in der Bibel schon vor Jahrhunderten ausgesprochen wurde. So sei das starre, tobte talmudische System entstanden, das immer ängstlicher in das Wort der Bibel sich hineinflüchr'ete. Wenn man daher nun manche Umge-- staltung treffe, so geschehe das wol im Sinne des talmudischen Judenthums, das selber eine Entwickelung anerkannte, nicht aber im Sinne des. talmudischen Systems. Mit Freuden, schloß der Redner, bekenne er sich zu dem talmudischen Judenthum, das eine historische Fortbildung anerkennt, nie und nimmer aber werde er sich zu einem talmudischen System bekennen, das todt und bleich, ein,morscher Leichnam aus früheren Jahrhunderten in unsre Gegenwart hineinragt, aller Geschichte des Geistes, aller unwahren Offenbarung Hohn spricht. Glänzend und überzeugend entwickelte der Redner den Unterschied zwischen talmudischem System und talmudischem Judenthum und begeistert verließ das Publikum diese erste, einleitende Versammlung. — —. So eben kömmt mir der neue Kalender von K. Klein in die Hände. Ein gutes, gesinnungsvolles Buch, das umsomehr und zwar vorzüglich den Israel,iten in kleinen Städten und auf dem Lande empfohlen zu werden verdient, als es neben einem ziemlich vollständigen, wenn auch theilweise schiefen Ueberblick der Jahresereigniffe, eine Reihe recht guter Aufsätze enthält, die einen richtigen Einblick in das Leben und Streben unsrer Gegenwart zu verschaffen geeignet sind. Breslau, 21. September. (Privatmitth.) Mit dem widerstrebendsten Gefühle nur gehe ich daran noch einmal einen Gegenstand zu besprechen, der mir in der tiefsten Seele schon zuwider ist, gegen ein Subjekt anzukämpfen, dessen müßiges, böswilliges Treiben so offen am Tage liegt, daß es kaum eines Beweises mehr bedarf; aber man Hai mich verdächtigen und der Lüge bezüchtigen wollen, und so bin ich es der Ehre dieses Blattes wie meiner eignen schuldig, gegen solche, jedes Beweises baare Verunglimpfung auf's Entschiedenste zu protestiren.

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