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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-10-13 · Heft 42 (13.10.1845) · p. Seite 639

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 42 (13.10.1845)
Date
1845-10-13
Page
Seite 639 (sequence 7)
Language
German
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689 man die Dürre und Oede früherer Jahre mit dem erfreulichen Zustand unsrer Gegenwart vergleicht, muß man in der That glauben, wir hatten Großes und. Vielfaches in kurzer Zeit errungen. Freilich galt es und gilt noch einen heißen und schweren Kampf, eine enorme Kraftanstrengung gegenüber dem offenen und versteckten, hinterlistigen und frechen Angriffen, die hier gegen die Vorwartsstrebenden versucht worden und täglich versucht werden; aber der Kampf .ist der wahre Charakter unsrer Zeit, er muß unerbittlich und unermüdlich geführt werden, man muß in das berauschende Lärmen der Geschütze tollkühn sich stürzen, damit die Begeistrung nicht erkalte, die wahrlich dem feilen Treiben unserer Gegner gegenüber nur zu leicht in Verachtung gegen diese selbst und in stumpfsinnige Gleichgültigkeit gegen alles religiöse Interesse sich verwandelt. In neuester Zeit war es die Rabbinervcrfammlung, die, wie an vielen Orten, auch in unsrer Gemeinde ein großes Larmen erregte, und nicht sowol die strengabgeschlossenen, unzugänglichen Frommen, als vielmehr jene tausendfarbigen Chamäleone zum Kampfe hervorlockte. Die zweideutigsten Gerüchte, die schmutzigsten Verläumdungen suchte man von gewisser Seite her zu verbreiten und so wurde denn auch manches ehrenhaft strebsame Gemüth mit Bangigkeit erfüllt. Geiger, der nach seiner Rückkehr in diese verworrenen, gestaltlosen Zustände, durch eine sehr gelungene Predigt, alles Gehässige, das über ihn sich verbreitet hatte, zu Nichte zu machen gewußt, sah ein, daß es darauf ankomme, alles Schiefe, Falsche und Verläumderische, das über die Rabbinerversammlung hier im Umlaufe war, durch eine getreue Darstellung der Berathungen und der Resultate derselben, in seiner Bodenlosigkeit zu enthüllen und sodann dem Publikum zu überlassen, sich selber ein Urtheil zu schaffen. Er forderte demnach zu einer Versammlung auf, in welcher er als ein treuer Berichterstatter die Verhandlungen der Rabbinerversammlung umfassend mittheilen und jedem Anwesenden frei stellen wolle, seine etwaigen Fragen und Einwendungen geltend zu machen. Sehr zahlreich versammelten sich demnach am 13. September die Mitglieder unsrer Gemeinde von den verschiedensten Parteien in dem großen Goldschmiedsaale und die versteinerten Mienen vieler Opponenten schienen mir ein Zeichen eines bevorstehenden grimmigen Wortkampfes zu sein. Jndeß dieser erste Vortrag Geiger's sollte blos die Einleitung zu den beabsichtigten Mittheilungen sein. Der Redner bemerkte, daß eine Versammlung, wie die der Rabbiner um so, mehr verpflichtet sei, Rechenschaft über ihre Berechtigung und Nothwendigkeit zu geben, als sie durchaus von keiner Seite her autorisirt sei, aber eben zeuge es von ihrer Nothwendigkeit, da die Zeit, das Leben, der mächtige, lebendige Geist ihr eine Berechtigung zuschreibe, die gültiger, gebietender sei, als etwaige schriftliche Bevollmächtigungen. Diese Berechtigung könne kein Einsichtiger läugnen und es sei daher gewiß ein anerkennungwerthes Streben der Rabbinerversammlung, daß sie der gewaltigen Stimme der Zeit gehorchend, trotz vielfacher Verdächtigungen, sich des wankenden, untergehenden Glaubens annehme und seine Wiederbelebung zur Aufgabe ihres Lebens mache. Doch man habe von vielen Seiten her, fuhr der Redner fort, ihre Richtung verdächtigt und ihr Verfahren getadelt, man habe verlangt, daß sie zuvor die Prinzipien, die Grundideen des Judenthums hatte feststellen sollen, ehe sie an praktische Reformen, an die Umgestaltung religiöser Einrichtungen gegangen sei. Aber dies sei ein ungerechter und gehaltloser Einwand. Zuvörderst sei das Prinzip, wonach ein Jeder das Judenthum auffasse, das Resultat der ehrlichsten individuellsten Forschung, es könne niemals eine Vereinigung etwa durch Abstimmung erfolgen, weil es lediglich Sache der Uederzeuguna^ der eigensten wissenschaftlichen Untersuchung sei, M keine Autorität, kein Gebot anerkennt. 'Die Prinzipienfrage gehöre sonach zuvörderst in das Gebiet der Literatur, wo die verschiedensten Ansichten nebeneinander sich geltend machen können, nicht aber in eine Versammlung, deren Zweck es sei, eine Vereinigung, eine Annäherung und Versöhnung zu bewirken. Sodann aber sei die Rabbinerversammlung ein Institut, das das mächtige Drängen der Zeit, die unabweisbaren Forderungen des Lebens hervorgerufen haben, es sei daher seine Aufgabe, der Zeit und dem Leben zu dienen, das Leben aber schmachte nicht nach Prinzipien, Glaubenssätzen, Systemen und Dogmen, nein, das Gemüth lechze nach würdigen, unserm Sinne wie unsrer Bildung angemessenen Zeremonieen, die uns andächtig erheben; der Gottesdienst wolle ehrwürdig, erhebend und feierlich sein; das Leben wolle befreit sein von den drückenden, alle Lebens-

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