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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-10-06 · Heft 41 (6.10.1845) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 41 (6.10.1845)
Date
1845-10-06
Page
Seite 620 (sequence 4)
Language
German
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620 in dm epikuräifchm Materialismus hineineindachten, dessen lockere Moral annahmen und auch später auf die Schrift anzuwenden versuchten. Wir finden auch nirgends bei den Alten, daß man sie als separate Religionspartei betrachtete; vielmehr finden, wir fie oft die wichtigsten Aemter bekleiden und. sogar als Hohepriester angestellt. Die vielen Schulen, die damals unter den Griechen im Umschwünge waren, die epikuräische Richtung, die im Allgemeinen das Volk annahm, konnten bei dieser engen Verbindung, welche die beiden Nationen seit Alexander M. vereinte, nicht ohne Wechselwirkung bleiben. — Noch weniger sind die mystischen Ejsäer dafür zu halten, die nur einen ftatuirten Einsiedlerklubb bildeten und sich bloS durch eine kommunistische Moral, ohne eigenthümliche religiöse Färbung, auszeichneten. Auch darf ebenso wenig der Karäismus als gesonderte Glaubenssekte angesehen werden, natürlich im' strengen Sinne des Wortes. Die Entstehung dieser Partei, welche ein gekränkter Rabbi wegen Bevorzugung seines minder befähigten Kollegen zum Gaonat Hervorruf s?) zeigt mehr die politische Grundidee dieser Partei, als die einer religiösen. Es galt Anan anfänglich blos, um sich vom hierarchischen Joche der Rabbiner politisch zu befreien, denn die gewaltige Macht der Gaonim artetete manchmal in Despotismus und Tirannei aus, denen er nun dadurch Verwerfung des mündlichen Gesetzes und der Tradition, deren Träger die Rabbiner sind, den Boden streitig machen wollte. Daß die Karäer auf Inkonsequenzen geriethen ist bekannt; bald hielten sie sich mehr oder weniger an die rabbinischen Interpretationen der Schrift, wie z. B. über das Verbot des Licht- und Feueranmachens am Sabbat, wodurch unter ihnen selbst ein Konflikt entstand u. dgl. m. Daß man sie früher als keine besondre religiöse Sekte betrachtete, beweist der Umstand, daß sie von den Rabbinern in jeder Beziehung, in Ehesachen und anderen religiösen Rechten gleich geachtet wurden. Ihr eigner Separatismus und strenge Jsolirtheit, dir besondre politische Stellung und überhaupt die gänzliche Abgeschiedenheit von der zivilisirten Welt, der Verfolgungsgeist der Rabbiner gaben ihnen erst dann einen eignen Typus und markirten schärfer die Grenzen, bis die Kluft nicht mehr auszufuüen war (vide Siffe Koh» zu I. D. K. 159 K. 6). In dogmatischer Hinsicht existirte kein Unterschied und kein Karäer würde anstehen, die 13 Glaubensartikel deS Maimonidis, die Genanter als Kriterien des Judenthuws betrachtete, anzuerkennen. Es ist darum ein nicht sehr gelungener Titel: „Sekten der Juden", den Peter Beer einem seiner Werke voransetzte. Das Judenthum hat, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, keine Sekten und nur in seiner geschichtlichen Entwickelung hat es manche Lehren und Meinungen ausgenommen. Ein gleiches Verhältuiß hat es, worin auch obige Behauptung ihren Grund hat, mit der Dogmatik, die nicht, wie bei anderen Konfessionen den Geist in Fesseln legen und genau die Grenzen der Denkfreiheit bezeichnen, sondern wir finden vielmehr ein in der ReligiouSgeschichte allein dastehendes Beispiel, die unvergleichlichste Duldsamkeit und Verträglichkeit in dem Dogmenstreit, welcher von Maimonides, Chasdai, Aldo u. m. a. geführt wurde. Ich mag daher nicht den Leser mit vielen Zitaten behelligen, oder auf diese und jene Ereignisse verweisen. Die ganze Kirchengeschichte ist ja voll blutiger Dogmenkämpfe. Selbst das achtzehnte, sogenannte philosophische Jahrhundert hat unter der gepriesenen Regierung Ludwig XlV., tausenden Menschen Ehre, Leben, Heimalh und Freiheit gekostet, blos des leidigen Janseuismus wegen. Die merkwürdigste Ruhe und ein wahrhaft wissenschaftlicher Geist beseelte die Koryphäen des jüdischen Dogmenstreites, von Maimonides bis auf Abarbanel und Mendelssohn herab, die im Judenthume gar keine Dogmen und Sakramente zugeben wollten, worauf wir in einer besoudern Abhandlung zurückkommen werden. Die jüdische Dogmatik unterscheidet sich objektiv von der anderer Konfessionen und hierin liegt auch der Hauptgrund von Allem. — Das Christenthum stellte in den ersten vier Jahrhunderten gewisse Artikel unter dem Namen rkKulr iidei und Symbole als Prinzipien auf, die mit apodiktischer Gewißhelt und blinder Zuversicht von den Gläubigen angenommen werden mußten und welche von vor hinein jede Einsprache und Entgegnung verketzerte, denn die Evangelien waren damals weder gesammelt noch verbreitet. Der neutestamentalifche Kanon, welcher dann ausgearbeitet und gesammelt wurde, hatte nur insoweit Autorität, als er der Symbolik entsprach und wurde überhaupt den reZulis fidei angepaßt, wie dies Lessing in einer polemischen Schrift gegen Hastor Götze mit Evidenz beweist. Ganz anders iw Judenthnm, welches die Dogmen aus der Tora demonstrirt wissen will und nur insofern die Schrift sich auf gewisse allgemeine Glaubenslehren reduziren läßt, angenommen werden können. Der ganze Streit über Zahl und Zulässigkeit der Dogmen heißt nichts mehr als: läßt die Schrift, in rein konfessioneller Beziehung, eine Reduktion auf gewisse stabile Hauptlehreu zu und wie groß ist deren Anzahl? In der Tora

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