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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-09-29 · Heft 40 (29.9.1845) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 40 (29.9.1845)
Date
1845-09-29
Page
Seite 614 (sequence 10)
Language
German
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614 Krimm sandte, welcher alle Gemeinden bereiste und in Tschoufet Kale mit Hülfe von vielen Tartaren alle Gräber aufwühlen ließ und am Ende wirklich so glücklich war, Grabsteine auszugraben, deren Aufschriften bezeugten, daß sie die Familie. Sunnarito seit 1060 Jahren bedeckt haben. Hr. Stern, ein sehr talentvoller, gebildeter Mann, sagte mir spater in Odessa, daß er nächstens über seine Entdeckungen ein Werk in russischer Sprache veröffentlichen werde. — In Begleitung des Herrn Beim besichtigten wir die Merkwürdigkeiten des- Orts und durch enge, kleine, dunkle und schechtgepflasterte Straßen gelangten wir an ein Mausoleum, welches der Khan Doktamusch seiner Tochter errichtenließ, welches aber, da man nicht weiß, warum diese Prinzessin hier fern von den Gräbern ihrer Familie beigesetzt ist, nur eine untergeordnete Aufmerksamkeit verdient. Interessanter sind die Unterrichtsanstalten, worin etwa 120 Knaben unter anderen Gegenständen in deutscher und russischer Sprache unterrichtet werden, aber geographische Kenntnisse bleiben ihnen, wie den Russen und Tartaren, ganz fremd, woher es kömmt, daß selbst die größten Häuser in Petersburg, Odessa, Riga rc. rc. den Handel mit dem Auslande den Fremden überlassen und sich blos mit dem Handel im Inland beschäftigen. Der Unterrichtsanstalt gegenüber liegt die Synagoge, welche aber nichts Interessantes darbietet. Wie bei den Türken und Russen ist der Kacaitentempel ein ganz freier Raum, wo weder Banke noch Betstühle angebracht sind. Vornehme wie Geringe, Junge wie Alte stehen bunt durcheinander; nur ist bei den Karaiten den Frauen ein abgeschlossener Raum.bestimmt. Der Boden des Tempels ist mit einem Teppich bedeckt, welchen sie an hohen Festtagen mit entblößten Füßen betreten; ihre Gebete sind in hebräischer Sprache abgefaßt, sind aber von denen der Juden ganz verschieden. Der Vorbeter hat stets sein Gesicht nach den Gesetztafeln gewendet und verrichtet seine Gebete sich bückend oder liegend. Ebenso weichen die Feiertage von denen der übrigen Juden ab, welche sie auf die Hälfte der Zeit reduziren und viele gar nicht kennen, und sie mögen daher dem ursprünglichen Judenthume weit näher stehen. Beim Austreten fand ich eine Tafel, auf welcher der Name Alexander Paulowitfch hervorstach. Neugierig, was dieser Karaite für die Gemeinde gethan habe, erwiederte mir Herr Beim, daß sie zwanzig Jahre sehr glücklich unter ihm gelebt und eines Tages von ihm in Begleitung eines zahlreichen Gefolges überrascht worden seien, wo derselbe mit ihnen gegessen und getrunken, ihre Gebete angehörk,, nach ihren Verhältnissen sich erkundigt habe, welches Alles auf jener Tafel angebracht sei. Ueberflüssig ist es wol, hinzuzufügen, daß unter obigem Namen der Kaiser Alexander gemeint sei. Es ist in ganz Rußland üblich, und die kaiserliche Familie macht davon keine Ausnahme, daß man mit Hinweglassung aller Titel den Vornamen der Person mit dem des VaterS verbindet. — Wir setzten uns zu Pferde, um das Iofephsthal zu besuchen, worin der Raum, welchen die Gräber der Karaiten einnehmen, drei Mal so groß ist, als der Ort selbst, und mit so zahlreichen. Grabsteinen bedeckt, daß er wol schon seit Urzeiten zu diesem Zweck dienen mag. Der weiße Marmor, woraus die Grabsteine gehauen sind und. der seltene Regen mögen Grund ihrer langen Dauer sein. Wegen feiner hohen Eichen und sonstigen schönen Bäumen könnte dieser Platz als Spatziergang-' dienen, wenn Fußsteige angebracht wären, wie es inr Nordenvon Deutschland üblich ist. Vor meiner Abreise ward mir noch die Ehre zu Theil, welcher selbst die höchsten Personen sich nur selten schmeicheln können, in ein Fcauengemach eingeführt zu werden, denn auch bei den Karaiten besteht der orientalische Gebrauch, daß die Frauen von den Männern gänzlich getrennt und hinter; Gitterfenstern wohnen. Der Divan bildet auch hier das Hauptmöbel; die Frauen waren sehr reich gekleidet und trugen auf dem Kopfe einen rothen Fes, von welchem ein blauseidnes Büschel Herabsiel. An drei Seiten dieses Fes ist der Name Moses in hebräischen Lettern angebracht, welche mit einer außerordentlichen Verschwendung ausgestattet werden, indem sie mit Gold, Perlen und häufig sogar mit Diamanten belegt sind. Unter diesem Fes sielen die Haare in langen, unzähligen Flechten herab. Um den Hals trugen sie eine Schnur und eine Kette, an welchen theils mehr als fünfzig kleine türkische Goldmünzen, theils werthvollere Münzen, als zwei bis zehn Dukatenstücke, hingen, und von diesem reichen Kostüme machen selbst die Kinder keine Ausnahme. Ein Karaite würde daher nicht sehr in Verlegenheit kommen, wenn er eine unerwartete Zahlung von einigen Hundert Silberrubeln zu machen hätte. Im Zimmer prunken sie mit purpurrothem Sammet; beim Ausgehen aber sind sie von Kopf , bis Fuß in weißen Mousseline gekleidet, welcher selbst das Gesicht verhüllt, so daß man sie von einer Türkin nicht unterscheiden kann. Sie sind sehr häuslich, haben nie Mägde und es ist Schade, das Geistesarmuth, trotz der Schön-

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