Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1845)
- Date
- 1845-09-29
- Page
- Seite 613 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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613 oben erwähnte Fest aus gleichem Antrieb auch hierher geführt hatte, versammelt, daß ich es fast bereute, diesen Lag gewählt zu haben. Rach ihrer Entfernung fand ich aber eine sehr gute Aufnahme beim Chacham, der, was mich noch mehr freute, sehr geläufig deutsch sprach. Hier traf ich auch die Vorsteher der Gemeinden von Simferopol, Koslof unk Sewastopol rc., welche dem Gouverneur, der seine Ankunft im Voraus angezeigt hatte, ihre Aufwartung machen wollten. Herr Beim lud uns alle zu Tische, welche Einladung ich gerne annahm. Um ein kleines rundes Tartarentischchen, welches mitten im Zimmer auf einen Teppich gestellt war, setzten wir uns theils auf kleine Schemel, theils die Füße über einander geschlagen, so daß ich mich ganz in den Orient versetzt glaubte, um so mehr/ da die Speisen, ebenso ungenießbar wie im Orient waren; Honig , süße Aepfel und Zuckerwerk werden als Leckerbissen betrachtet, und die Hände ersetzten auch hier häufig Messer und Gabeln. Frauen werden nicht am Tische zugelassen und dürfen selbst, so lange fremde Männer anwesend find, nicht eintreten. Keiner der Anwesenden sprach anders als tarlarisch und ich mußte mich daher mit ihrem Anblicke begnügen. Der Typus eines krimmschen Karaiten ist ganz von dem der übrigen Juden verschieden, selbst die langen Bärte, welche die Türken, Russen und Juden dieser Lander als die höchste Zierde des Mannes betrachten, find bei ihnen gänzlich abrasirt, wogegen bei Keinem ein Schnurrbärtchen fehlt, welches auf eigne Weise zugestutzt wird. Der Kdraite ist in seinem Benehmen sehr stolz und wortkarg: Sommer wie Winter tragt er eine mit Wolle besetzte schwere Filzmütze, eine dunkle, ganz zugeknöpfte Weste und kleidet sich, im Gegensätze zu den Russen, welche die Stiefeln über den Hosen tragen, ganz nach deutscher Manier. Die Karaiten ziehen, wie alle Orientalen, den Handel allen übrigen Beschäftigungen vor, der auch in der Kcimm ganz in ihren Händen ist. Manche sind sehr reich, dabei sehrwohlthätig gegen ihre Glaubensgenossen; man hat in diesem Lande kein Beispiel, daß ein Karaite gebettelt., gestohlen, das Gefangniß bewohnt oder seinen Erd gebrochen-hat, und das Wort eines Karaiten ist sprichwörtlich geworden. Siestehen daher in Rußland in großer Achtung, könnenwohnen und Geschäfte treiben, wo sie wollen; aber nichts desto weniger haben sich nur circa vierzig Familien von den-Arabern undTartaren getrennt und in Odessa niedergelassen. Die Karaiten von Tschoufet Kale haben ihre Lander kn Backschissacay, deren Aufsicht sie des Nachts den Tartaren überlassen und sich auf ihre Anhöhe zurückziehen; trotz ihres beträchtlichen. Handels führen sie keine Bücher, reden und schreiben blos tartarisch und können im Allgemeinen nur als sehr unwissende Menschen betrachtet werden. — Rach Tische führte uns Herr Beim, um Kaffee einzunehmen, in ein andres, mehr europäisch eingerichtetes Zimmer, aus dessen Erker man eine schöne Aussicht nach dem unten liegenden Josephsthal und den zahlreichen Minarets von Backschissacay genießt.' Mit Hrn. Beim hatte ich eine lange Unterredung, worin er mir bemerkte, daß kein gebildeter Mann mehr nach der Krimm ginge, ohne die Karaitenresidenz zu besuchen; besonders hatten sich viele Schriftsteller bemüht, ihren Ursprung zu erforschen, wahrend es doch keinem Zweifel unterworfen sei, daß derselbe von der babylonischen Gefangenschaft herdatire. Er behauptete ferner, es sei unwahr, daß Mohamed aus Liebe zu den Karaiten ein von seiner Hand geschriebenes Dokument ihnen zugestellt habe, da ein solches nicht existire. Aus Liebe .zur deutschen Sprache und Wissenschaft habe er sich eine Zeit lang in Odessa zur Erlernung derselben aufgehalten und korrespondier feit dieser Zeit mit mehreren deutschen Gelehrten, u. a. mit Hrn. vr. Jost in Frankfurt a. M. und vr. Riesser in Hamburg, von welchem er mir einen in hebräischer Sprache geschriebenen Brief zeigte, welcher ihm so gut gefiel, daß er ihn eingerahmt kn feinem Zimmer aufgehängt hatte. Ich theilte ihm mit, daß ich von Hrn. vr. Geiger in Breslau beauftragt sek, einige karaitrsche Manuskripte demselben mitzubringen, eine Mittheilung, die Hrn. Beim große Freude machte, da er bereits in Odessa Vieles von diesem Reformator gehört und langst sehnlkchst gewünscht hatte, auch mit ihm in Verbindung zu kommen. Da aber die verlangten Manuskripte sich in Jerusalem befinden sollten, so machte er mehrere Auszüge aus verschiedenen Büchern und gab mir am Ende ein aus 600 Pergamentblättern bestehendes Buch, daß einer seiner Voreltern vor etwn 500- Jahren geschrieben habe, welche sine Manuskripte hinlänglich ersetzten und welche ich später auch Herrn vr. Geiger einhandigte. Ich habe diese Einzelnheiten blos mitgetheilt, um zugleich durch Ihr geschätztes Blatt aufmerksam zu machen, daß das Forschen vieler Männer über die Verhältnisse der Karaiten durch den Grafen Woronzof einen großen Vorschub gewonnen hat, indem er eine Kommission unter Leitung eines Herrn vr. Stern nach der 40»