Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1845)
- Date
- 1845-09-15
- Page
- Seite 586 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Von dieser Betrachtung geleitet entschloß ich mich, einen Zyklus der vorzüglichsten jüdischen Relrgionsphilosophieen des Mittelalters, im Gewände einer einfachen verständlichen deutschen Uebertragung, dem großen philosophischen Publikum, christlichen oder jüdischen Bekenntrnß, vorzulegen, und ich freue mich, daß die jede freie philosophische Wissenschaft so gern fördernde Verlagsbuchhandlung dazu die Hand bot, um diese großentheils zum ersten Mal erscheinenden Ueberfetzungen auch äußerlich in gefälliger Form erscheinen zu lasten. Ich glaube auf eine allgemeine sich betätigende, Theilnahme um so eher rechnen zu dürfen, als unter den geistigen Bewegungen und Kämpfen der Gegenwart die Fragen über Judenthum und Juden keine untergeordneten Stellen einnehmen, und es muß Jedem, der sich für diese Fragen interessirt, lieb sein zu erfahren, wie die Lehrer und Meister der Juden in allen Jahrhunderten das Judenthum verstanden und vorgetragen. Der Theologe, welcher das Chrlstenthum für ein sublimirtes Judenthum ausgkebt: der Philosoph, welcher den Entwickelungsgang des Geistes und seine Beschäftigung mit den philosophischen Problemen zu erforschen den Beruf hat: der Staatsmann und der Gesetzgeber, welcher in der zur weltgeschichtlichen Bedeutung gewordenen Judenfrage so oft bei dem Judenthume anzufcagen hat, werden aus diesen unparteiischen Zeugen der Vergangenheit wol eher die Wahrheit erfahren, als aus dem Geschrei der Gegenwart, und auch die jüdischen Lehrer und Meister der Gegenwart, welche an einer Fortbildung des Judenthums und seiner Prinzipien mühsam zur Erhebung ihrer Brüder arbeiten, werden den Resultaten ihres Geistes nur durch Verkettung mit der philosophischen Vergangenheit des Judenthums, durch die Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie, einen festen Standpunkt geben. Die Geschichte ist als Dolmetscherin der Vergangenheit auch die Prophetin der Zukunft., Was den erwähnten Zyklus der jüdischen Religionsphilosophieen anlangt, so beginne ich denselben mit dem Emünot we-Döot (Glaubenslehre und Philosophie) von S a a d j a F a jj u m i, (st. zu Sora, am Euftat942 n. Chr.).. Diesem soll dann das Dialogenbuch Kusari und Jehuda Ha-Lewi Kastilin (aus Kastilien), das dreigetheilte, berühmte Buch M o r e R e b u ch i m (Weisung für Irrende), oder wie es im Original heißt Delalat el-'Hajirin, von Musa Maimuni (Musa den Maimun), das Buch Milchamot Jehova (Gotteskämpfe) von Leon de Banolas (Lew! den Gerschom) und endlich das Buch Ikkarim (Wurzeln)-von Jose:f Alb o folgen. Ueber jedes dieser Bücher, wie über jeden der betreffenden Verfasser, wird natürlich in Schlußabhandlungen zu den Ueberfetzungen, so viel, als zur allgemeinen Belehrung nöthig ist, gesprochen werden. 7— Für einen andern, mit dem hier zu gebenden nicht zusammenhängenden, Zyklus habe ich mir zur Aufgabe gestellt, andere fünf religionsphilosophische Erzeugnisse zu übertragen, nämlich das in dem dritten Viertel des elften Jahrhunderts abgefaßte Mekor-Chajim (Lebensquell) von Salomo den Gebirol aus Malaga, so weit dasselbe sich uns noch erhalten, das etwa aus dem ersten Viertel des zwölften Jahrhunderts stammende Arugat ha- Bofem (Gewürzbeet) von Musa Jbn-Esra aus Granada, das Schaar Ha-Jichud (Abschnittüber die Gotteseinheit) von Bach.ji den Josef, und die zwei karäischen Religionsphilosophieen Ez Chajim (Lebensbaum) von Ahron ben Elia ,aus Nikomedien, und das Buch Mechkar (Forschung) von dem Karaer Josef ha-Roöh. Von der Theilnahme des lesenden Publikums wird es übrigens abhängen, ob die Uebersetzungen bis zur Dekade steigen werden; der Wille findet gar zu oft in dem Materialismus der Zeit einen Hemmschuh, und man muß es schon als Begünstigung des Schicksals ansehen, wenn wenigstens der Anfang dessen, was man erstrebt, realisirt wird. Korrespondenz. Russisch-jüdische Skizzen. 27. Mai St. Petersburg, den 1845* (Fortsetzung.) Ein Mann, einer jener gediegenen Geister, wie man deren unter den polnischen Juden so viele findet, hatte der rabbinischen Literatur sich vollkommen Meister gemacht. Sein reger Geist, der in den Regionen des Wissens immer vorwärts dringen, immer Neues erfassen wollte, fand an dem, was ihm bekannt war, nicht mehr die nöthige Nahrung. Aus der nüchternen Logik des Talmuds, aus den scharfen Kombinationen der Rabbiner» flüchtete er sich in die kabbalistischen Ideen der Chasidim und ward eines der eifrigten Glieder ihrer Sekte. In dem ahnungsvollen Schauen, in dem über-