Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1845)
- Date
- 1845-09-15
- Page
- Seite 584 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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584 geblieben, sie wuchsen auf ohne geregelten Religionsunterricht und ohne Kenntniß der Bibel; nicht der verschrieene Zeitgeist, sondern das ist das Unglück dieser zwei, drei Generationen, daß sie, freilich ohne ihre Schuld, die alte gemüthliche Relkgionsübung aufgaben, ehe der Boden gewonnen war, der ihren neuen Tempel tragen soll. Nun aber fehlt es den meisten heutigen Juden durchaus nicht an religiösem Gefühl, noch auch an Sinn an Sinn für echtreligiöse Aussprüche; in dieser Gemüthsstkmmung greifen Viele, oft ganz zufällig, nach den christlichen Religionsschriften, hören christliche Prediger, suchen sonstige Belehrung bei Christen, und lernen da die herrlichsten religiösen Ideen kennen, die sie dann, weil sie ihre eigne Religion nicht kennen, für alleiniges Gut des Christenthums halten, während sie doch nicht blos auch in der jüdischen Religion enthalten, sondern erst von der jüdiichen in die christliche hinübergewandert sind. Und dieser Irrthum wird von vielen Christen, welche über beide Religionen zu reden finden, nicht gestört, sondern noch vielfach befestigt; wer kann in jedem einzelnen Falle entscheiden, ob sie in ehrlicher Unkenntniß unserer Religionsschriften oder mit vollem Bewußtsein des Gegentheils so sprechen, aber da wird jedes Schöne und Erhabene, das freilich in den Schriften ihres neuen Bundes steht, aber auch ebenso klar in den Schriften unsres Bundes, nicht blos als christliches Eigenthum ausgegeben, wahrend es doch mit noch größcem Rechte als jüdisches Eigenthum zu bezeichnen wäre, sondern auch noch geradezu unsrer Religion abgesprochenund diese oft so dargestellt, daß Jeder sich schämen muß, ihr anzugehören, der nicht fest von dem Gegentheil überzeugt ist. Schmerzlich ist es, wenn auf christlichen Kanzeln und Lehrstühlen, hohen und niedrigen, diese unwahren Darstellungen ertönen; wahrhaft widerwärtig aber klingt es und empört jedes religiöse Gefühl, wenn Juden und Jüdinnen mit süßlichem Geschwätz und mit andächtigem Augenverdrehen von den herrlichen Dingen in der christlichen Religion reden, ohne zu ahnen oder sich bedeuten zu lasten, daß sie nur brauchten die jüdische Bibel anzukaufen und einmal durchzulesen, um dieselben herrlichen Dinge ebenso deutlich, ebenso kräftig und bündig von jüdischen Gottesmännern ausgesprochen zu finden, die dreihundert, fünfhundert, fünfzehnhundert Jahre vor dem Stifter der christlichen Religion gelebt haben." Der Redner nimmt nun die einzelnen Lehren, die unsrer Religion gewöhnlich abgesprochen und dem Christenthume zugesprochen werden, durch, und zeigt, wie sie langst ausis Kräftigste in unsrer heiligem Schrift ausgesprochen und von 'dieser, nur entlehnt sind.'- Allerdings hatte der Redner bei jedem einzelnen Satze noch zehnmal mehr Bibelstellen .aufführen können; allerdings wäre auch zu wünschen gewesen, er hätte mehrere in die Bibelkritik gehörende Bemerkungen wegfallen lasten, da sie auf der Kanzel nur beunruhigen, ohne eine weitere Ausführung zuzulassen, oder, wenn er sie in der Druckschrift gab, hätte er diese Ausführung gleich folgen lassen müssen. Fremd bin ich bei Euch und heimisch, gebt mir Besitz, meinen Tobten zu begraben. Predigt am fmü im neuen iscael. Tempel zu. Hamburg, von vr. Schwabacher. Hamburg, 1845. In dieser Predigt ist Herz und Geist, ist Energie des Gedankens und Kraft der Sprache, ist Charakter. Daß unsre Zeit keine allzugroße Freundin von Charakter ist, hat der Redner erfahren. Er sagt selbst, seine Predigt habe Vielen mißfallen. Wir unsrerseits können dieses Mißfallen nicht billigen, müssen aber gestehen, daß der Redner mit dieser Predigt seine Anschauungsweise von der jüdischen Predigt noch weder klar gemacht, noch gerechtfertigt hat, sondern daß wir bei ihm noch — warten müssen. Bilder aus dem jüdischen Volksleben von Simon Krämer, Lehrer. Altenmuhr, 1845. Es ist in diesen ' populär-belletristischen Versuch ein gesunder Kern vorhanden. Der Verfasser will im Volke jenem traurigen Hange entgegenarbeiten, der alles Jüdische mit Mißachtung und Verachtung von sich weisen und was den Vätern das Heiligste dünkte, den Enkeln als Unheilkges, Verächtliches erscheinen läßt, der daher am Ende zur gänzlichen Verkennung und Verachtung der jüdischen Religion' führen müßte, der Hange, der im Gegentheil Alles schön und herrlich hält, was von Christen kommt und sich in einem Kokettiren mit dem Christlichen, wohlgefällt, darin das Ideal der Bildung erblickt. Der Verfasser hat sich natürlich davon zurückgehalten, in den entgegengesetzten Fehler zu verfallen. Allerdings bewegen sich seine „Bilder" in den kleinstädtischen Kreisen, die er aber sehr genau kennt. Auch ist es durchaus nothwendig, daß diesen Bildern, von denen bis jetzt drei gegeben sind, aber zwölf gegeben werden sollen, auch mehrere höher gehaltene,- von dichterischem Schwünge durchwehte, eingefügt werden, um das . Interesse zu st?