Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1845)
- Date
- 1845-09-15
- Page
- Seite 578 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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587 Zustimmung zurufende Orthodoxie sich auch wirklich damit einverstanden erklärt,, daß ein großer Theil des Gottesdienstes in deutscher Sprache abgehalten werde. Dann wäre nicht zu begreifen, welcher Grund zu Streitigkeiten in so vielen Gemeinden vorläge. Hr. Frankel erklärte, und die Versammlung stimmte ihm bei, er stehe auf dem Standpunkte des historisch-positiven Judenthums, d. h. er erkenne an, daß das Judenthum, aus einer bestimmten, festen Grundlage ruhend, im Laufe der Jahrhunderte sich geschichtlich sortgebildet habe, einer solchen Fortbildung aber noch ferner unterliegen müsse, und zwar nach Maßgabe des jüdischen Volksbewußtseins in der Gegenwart. Dieser Grundsatz, schon längst und vielleicht zuerst von Geiger ausgestellt, läßt in seiner Anwendung nur insofern Raum für Abweichungen, als das Urtheil über das.Volksbewußtsein ein sehr schwieriges ist und nach der verschiedenen Individualität des Beurtheilers und der ihn zunächst Umgebenden verschieden ausfallen muß. Jedenfalls ist aber die Beweglichkeit im Judenthum damit ausgesprochen und der Schulchan aruch und der Talmud nicht als höchste Autorität anerkannt. Stimmen auch darin die Männer der Addreffen vollkommen ein?" Hierauf erfolgte diese Erwiederung: „Breslau, 31. August. Ein nicht unbekannter Anonymus stellt in No. 202 der Bresl. Zeitg. die hämische Behauptung auf, daß die jüdische Orthodoxie ihre bisherige „viel gerühmte Konsequenz" verlasse und sich zu dem gemäßigt reformistischen Standpunkte des Herrn Frankel bekehrt habe. Es werden nun in jenem Artikel, zufolge dieser Annahme, offene und versteckte Angriffe gegen die hiesige altgläubige Gemeinde gerichtet. - Wir beeilen uns daher die Bodenlosigkeit dieser uns angedichteten Bekehrung hier nachzuweisen. Es ist der altgläubigen Gemeinde, als solcher, nie in den Sinn gekommen, dem Herrn Frankel eine Dankaddreffe zu votiren; der Name des Herrn Rabbi Tiktin könnte sonst unter den Unterschriften nicht fehlen. — Es kann aber auch nicht jedem Mitgliede unsrer Gemeinde zugemuthet werden, sich mit den so rasch veränderlichen Standpunkten der modernen Rabbiner vertraut zu machen, und nur der dadurch erklärten Unbekanntschaft mit den eigentlichen Tendenzen Frankens ist es zuzufchreiben, daß auch einige Altgläubige die von andrer . Seite ausgegangene Addresse. mit unterschrieben haben. Wir ehren den Hrn. Frankel seiner Gelehrsamkeit willen, da er aber den Gottesdienst seiner Synagoge in Dresden schon vor Jahren reformirt hat, und die Abschaffung des zweiten Feiertages und der Meziza für zulässig erachtet, so können wir ihn nimmer als den Repräsentanten unsres Glaubens ansehen. Das Beispiel der Rabbinerversammlung sollte Hrn. Frankel darthun, wie gefährlich es sei, die Fußtapfen der Väter, die orthodoxe Denkweise zu verlassen und daß es zwischen Orthodoxie und Unglauben keinen Ausweg gäbe. Sein Ausscheiden aus der Rabbinerversammlung war uns nur insofern erfreulich, als wir in dieser Thatsache den Ausbruch eines Zwiespaltes in dem uns feindlichen Lager erblicken. Die Händel wegen Aufstellung eines Reformprinzips und die Uebereinkunft in der Annahme des historisch-positiven Standpunktes, aus dem Jeder die beliebigsten Folgerungen zieht, erinnert uns an die Geschichte des babylonischen Thurmbaues, wo unter den Kämpfern gegen das Heilige eine. Sprachverwirrung entstand und einer die Worte des andern nicht verstehen konnte. So haben wir unfern Glauben nicht nur nicht verändert,, sondern uns in demselben durch die Tagesgeschichte noch gesichert und gestärkt. Ein Altgläubiger. —. Herr vr. Geiger hat durch zwei bereits gehaltene Predigten die Gemüther zu beruhigen gewußt und wird in öffentlichen Versammlungen, deren erste schon morgen stattsi'ndet, die Resultate der Berathungen in Frankfurt unsrer Gemeinde mittheilen. Er hat öffentlich sämmtliche Gemeindeglieder dazu mit dem Bemerken eingeladen, daß es Jedem freistehen solle, seine eigne, etwa divergirende Ansicht geltend zu macken. Auch soll in diesen Versammlungen über das gesprochen werden, was von den Beschlüssen der Rabbinerversammlung in hiesiger Gemeinde eingeführt werden soll. —. Soeben kommt mir die Antwort Frankens an die hiesigen Addressanten zu Gesicht. Ich will heute nichts über dieselbe mittheilen und es mir für einen nächsten Bericht aufsparen, über die Widersprüche und die Arroganz in derselben, über das hierarchische Bestreben und yerkappte Jesuitenthumdas darin mit tausend Augen hervorlugt, mich erschöpfend auszusprechen. Herr Frankel ist offen zu unseren Feinden übergetreten, so sehr er es auch ver-