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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-09-15 · Heft 38 (15.9.1845) · p. Seite 577

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 38 (15.9.1845)
Date
1845-09-15
Page
Seite 577 (sequence 5)
Language
German
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577 gische Historie angeschafft hatte, muß üun auf einmal von einem possenhaften Quodlibet sein Zwerchfell erschüttern lassend Die in vielen Zeitungen besprochene Addresse an Frankel ist das wundersam verkrüppelte Mäuschen, daß der kreißende Berg hervorgebracht — und gottlob — es ist nur widerlich, ekelerregend, aber ganz und gar unschädlich. — Jene Addresse zählte 120 Unterschriften, und dies ließ uns sogleich einigen Verdacht gegen die Gültigkeit derselben hegen. Die hiesige Opposition, wenn man sie nach einzelnen Individuen zählt, ist stärker als 120; warum haben also'nicht Alle unterschrieben, da sie doch sonst wie ein Mann zusammenstehen, wenn es gilt, das Gute zu vereiteln und den Fortschritt zu hemmen? Aber nein, nicht alle Glieder unsrer Orthodoxie sind faul, ein Lheil derselben — und der ist noch der ehrenwertheste — beharrt mit eiserner Konsequenz in seinem Jrrthum, den er für Wahrheit hält; der läßt kein Härchen fahren von dem alten ererbten Glauben der Väter, und dieser Theil kann Herrn Frankel nicht als „Vertreter des Judenthums" anerkennen oder ihn gar beaddreffen. Herr G. Liktin war vielleicht der erste und einzige, der, nicht von blinder Wuth geblendet, Besonnenheit genug besaß, um sich und seine Sinnesgenossen vor dem Vorwurf der Jnkosequenz, der Prinziplosigkeit zu wahren; denn er verweigerte standhaft die von ihm dringend abgeforderte Unterschrift, indem er erklärte, daß Frankel, der durch so viele Konzessionen für die Forderungen des Lebens, wie die Abschaffung des zweiten^Feiertages, der Meziza ff. den Kredit bei allen rechtgläubigen Frommen schon längst verloren habe, denselben durch eine sentimentale Liebe zum Hebräischen und durch ein zweideutiges Opfer für diese seine Liebesneigung nicht wieder gewinnen könne, da deutsche Gebete allerdings nicht ganz ungesetzlich seien. Auf diese-Weise entging , die hiesige ehrliche Orthodoxie einer Blame, die sie sich bei ruhigem Blute niemals hätte vergeben können. Also die Orthodoxie hat die Addresse nicht unterstützt, die Fortschreitenden, die radikalen wie die gemäßigten auch nicht— vom wem ist sie also ausgegangen? Von jenem unverdaulichen Lheile der hiesigen Gemeinde, der nicht Fisch und nicht Fleisch, nicht naß und nicht trocken ist, sondern wie jener klebrigeBrei, den wol der Heißhunger nicht verschmäht, aber der mäßige Appetit mit Widerwillen von sich weist. Ob Herr Frankel es verdient so bewirthet zu werden? Wir glauben, gewiß nicht — aber vielleicht trägt, eS dazu bei, ihn über feine Stellung aufzuklaren.-Nach der Absendung der Addresse entspann sich Ln den hiesigen Zeitungen eine kleine Neckerei, die ich, weil sie diese ganze Affäre treffend charakterisier und für die Richtigkeit meiner eben ausgesprochenen Ansichten über die Abfasser der Addresse bürgt, hier wortgetreu folgen lassen will. Es heißt da: „Breslau, 28.August. Es ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit, daß auch im Judenthume die Gegensätze sich offen und unzweideutig kund geben und daß auch die sogenannte orthodoxe Richtung nicht mehr mit dumpfem, hochmüthigen Hinbrüten oder wildem Lärmen sich begnügt, sondern sich in der Oeffentlichkeit zu vertreten und ihre Grundsätze aufzustellen bemüht ist. Jedoch haben wir dann wohl aufzumerken, ob die Orthodoxie denn wirklich ihre vielgerühmte Konsequenz behauptet, damit wir uns auch von ihrer Redlichkeit überzeugen. Sie hat sich neuerdings Hrn. Frankel zu ihrem Heros ausersehen und überhäuft ihn besonders seit, seiner ganz unmotivirten Flucht aus Frankfurt a. M. mit liebkosenden Addressen; es ist nicht unklug von ihr, denn Hr. Frankel ist ein Mann von Talent und rüstiger Thätigkeit, der es auch recht wohl versteht, Eklat zu machen und dadurch die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nur wäre es auch nothwendig, daß uns darüber Aufklärung gegeben werde, ob die Orthodoxie sich auch wirklich mit vollem Herzen zu Frankels Grundsätzen und Ansichten — soweit sich diese bei dessen vielen Tergiversationen feststellen lassen — bekehrt habe. Auch Frankel stimmte nämlich mit sämmtlichen in Frankfurt versammelten Rabbinern darin überein, daß neben hebräischen Gebeten, welche zu belassen seien, der deutschen oder Landessprache ein weiter Raum in den jüdischen Gotteshäusern eröffnet werde, und die ganze, bei besser geleiteter Debatte ganz zu vermeidende Verschiedenheit in den Ansichten drehte sich um den Punkt, ob die hebräische Sprache für ewige Zeiten im Gottesdienste vorherrschend bleiben müsse. Ob Hr. Frankel, wenn eine schwache Majorität gegen seine Ansicht sich aussprach, als Ritter der Zukunft die Kampfbahn verlassen mußte, ja durfte, mag weifen Kampfrichtern zur Beurtheilung überlassen bleiben; aber wichtig wäre es zu wissen, ob die ihm freudige

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