Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1845)
- Date
- 1845-09-08
- Page
- Seite 570 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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570 Anderes hinter derselben ahnte? „was wollt Ihr sonst noch?" „Rabbi, ich bin ein Mechaber (Schriftsteller)" -sagte Selig. „Wir haben Chiburim genug, als daß wir deren von so jungen Leuten, wie Ihr seid, nicht -entbehren konnten," antwortete der Alte. „Nein, Rabbi, entschuldigt, ich bin ein Mechaber von einem andern Sepher!" wandte Selig ein. „Habt Ihr schon so viel Talmud -gelernt, daß Ihr Euch schon mit anderen Wissenschaften abgeben zu dürfen glaubt?" fragte der Rabbi. „Ich habe «inen Chibur über Mathematik geschrieben, und weil Ihr ein Kenner seid, möchte ich Euch um Eure bitten," erwicderte Slonimski, indem er zitternd sein Werk unter seinem Ueberwurf hervocnahm mnd es dem Rabbi überreichte. Der Rabbi, der einige Begriffe von der Mathematik und dem ptolemäischen Systeme hatte, sing an, in dem Manuskripte zu blättern, und erstaunte über die Reichhaltigkeit und den Geist desselben. Ein Werk von so umfassender Kenntniß der Mathematik, von so gründlicher Bearbeitung war ihm noch nicht unter die Hände gekommen; er fühlte es, wie hoch dieser junge, bartlose Mann über ihm stehe. Freundlich reichte ec ihm nun die Hand zum tnb'tf (Willkomm) und frug: „Warum setzt Ihr Euch nicht?" Darauf rief er seine Frau mit den Worten: „Ich habe da einen guten Gast hekom- ' rnen, bringe ihm doch eine Tasse Kaffee," und blätterte in dem Buche weiter. Die blühende hebräische Sprache, die Leichtigkeit, mit welcher die schwersten mathematischen Formeln wiedergegeben sind, die Kürze und der Scharfsinn im Style, die dem talmudisch geübten Geiste so sehr zusagt, steigerte sein Erstaunen bis zum höchsten Grade. Nachdem er erfahren, daß Selig aus Bialystok gebürtig sei, ging er in das Beß Hamidrasch heraus, in welchem unter den jungen Leuten ein Mann aus Bialystok saß und sagte: „Wie gefällt Euch das? Da kömmt ein junger Mann zu mir, der ein bps fcbiDTO 2^27 NA2N ist; er hat.einen Chibur geschrieben, wie ich nie einen solchen gesehen; er ist von Bialystok; geht einmal zu ihm hinein und redet mit ihm, er sitzt dort in der Stube." Dem Bialystoker siel es ganz und gar nicht ein, daß Selig der Mann sein könne, von welchem der Rabbi mit solcher Begeisterung gesprochen; er sah sich also in den Zimmern nach einem Dritten um, und da er Niemanden fand, so kam er zu dem Rabbi mit den Worten zurück. „Der Mann muß weggegangen sein, ich sehe Niemanden in Eurem Zimmer." „Wie," xief der Rabbi, indem er die Thüre öffnete, „da sitzt er! .ja," und zeigte auf Selig. Da wollte der Bachur kaum seinen Augen trauen, als man ihn Selig als einen N272n bi>S (Astronomen), als einen b'vs übtt5i?2 vorstellte. Der Rabbi aber ließ den beglückten Selig drei Tage lang nicht aus seinem gastfreundschaftlichen Haufe; er gewann ihn um so lieber, je mehr er sich von der gründlichen Bildung desselben überzeugte; forderte ihn auf, nach Wilna zu reisen, versprach ihn mit den besten. Empfehlungen zu versehen und entließ ihn dann unter den herzlichsten Glückwünschen. Die Empfehlungsbriefe des Rabbi kamen nach Bialystok an den Bruder des Selig addressirt, mit der Bitte, dieselben letztecm einzuhändigen. Der Bruder lächelte, als er auf der Addresse alle die Ehrentitel und gelehrten Benennungen las, die man da an den jungen Bruder gerichtet, und mit welchem sonst nur die größten Tatmudisten ausgezeichnet werden. Er zeigte die Addresse einem Bekannten, der die Schrift des Rabbi erkannte und darüber erstaunt dem Bruder anrieth, den Brief zu erbrechen. In der Ansprache des Briefes fanden sie dieselben Titel, die, als vom wilkowicker Rabbi ertheilt, ihnen ganz unverständlich vorkamen, und die nöthigen Einlagen nach Wilna. Sie schickten nach Sabludoff, ließen Selig kommen, der ihnen endlich das Rärhsel löste und nach Hause eilte, um sich nach Wilna auf den Weg zu machen. Schüchtern und ängstlich trat Selig die Reise an. Wilna, das lithauische Jerusalem, wie Napoleon es nannte, die bfcnuro L8i t>2, wie die Juden es nennen, erschien ihm wie das von plus ultra der Welt. Trotzdem, daß er sich als Mann fühlte, glaubte er, in diesem Gedränge von Gelehrsamkeit, Frömmigkeit, weltlichen Unternehmungen und großen Geistern, werde er sich doch kaum bemerkbar machen können; dort, wo so viele Sterne jüdischer Wissenschaft glänzten, glaubte er, werde er mit seiner Kenntniß der Sterne nicht durchdringen können. — An einem Morgen wagte er sich in die große, deutsche Straße. Rechts und links ziehen sich dort in den Häusern die bedeutendsten Gewölbe dep Juden hin. In allen sitzen die Frauen des Hauses und besorgen das Geschäft. Die Turbane um das abgeschorne Haupt gewickelt, mit goldenen Ketten und Gehängen geschmücktin langen, taillelosen Kleidern sitzen sie und warten der Käufer. Die Männer kommon nur eo xas8avt in diese Buden; sie sind nicht die Welt, in der sie sich bewegen; entweder sie liegen in großartigeren Geschäften, sitzen über dem Talmud oder beschäftigen sich mit Gemeinde-