Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1845)
- Date
- 1845-09-08
- Page
- Seite 569 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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569 sich gewiß auf die folgenden. — ,-Eine alte Stimme, von vr. L. Aunz", aus einer vor 500 Jahren geschriebenen Strafrede in Spanien übersetzt, die viele auf unsere Zeit passende Züge enthält. — „Bilder und Gleichnisse, von vr. Gotthold Salomon", Bearbeitung einiger sinnreichen Midraschim. —- „Gedichte", von denen wir das Wanderlied von Kapper mit einer Melodie von Sulz er hervorheben. — „Das Hohelied, in neue Reime übertragen und erklärt von vr. Daniel San'- ders," eine schöne, auch in der Form gelungene exegetische Arbeit. —An den darauf folgenden poetischen Bearbeitungen altjüdischer Sagen haben wir die ungemeine Breite, durch welche den Legenden jede epigrammatische Spitze genommen wird, zu tadeln: — „Ephraim Reubl, Novelle von Anton Langer," ein kräftiges Gemälde in schöner Sprache — nur daß der Gegenstand zu düster ist und sogar keine Lichtseiten bietet. „Die symbolisch-mythische und allegorische Bedeutung der Taube bei den Hebräern, von vr. Wolfgang Wessely," eine interessante Zusammenstellung, selbst poetisch überhaucht." Das Buch Ben Hamelech wehannasir. Geschildert von M. Steinschneider," für die meisten Leser zu streng wissenschaftlich. — Diese Inhaltsangabe bezeugt wol hinlänglich, daß es dem Herausgeber gelungen ist, auch diesen Jahrgang recht reichhaltig zu machen, ja, ihm gegen die früheren einen wachsenden Gehalt zu vec- . schaffen. — Korrespondenz. Russisch-jüdische Skizzen. . 27. Mai St. Petersburg, den—g^Juni (Fortsetzung.) Selig war erstaunt von einem Juden solche aufmunternde Worte zu hören, und frug nun seinerseits, wer der Alte sei. Es war Elieser Rosenthal aus Jaschinofka, ein Mann, der vor zwei Dezennien unter den russischen Juden einen Namen, wie einer der ersten jüdischen Reformatoren in Deutschland hatte; die Jugend zur Bildung anfeuerte und, soviel es in seinen Kräften stand, förderte. Als Slonimski diesen Namen hörte, verlor er allmälig seine Schüchternheit, wurde offener und zutraulicher und nahm von dem Sabbat, den er mit Rvsenthal zubrachte, die Lehre mit, daß er, um ein vollkommener Mann ,zu werden, auch noch die Welt, das Leben und das mannigfache Treiben in demselben kennen müsse. Ein Besuch,- den er bald darauf Herrn Rosenthal in Jaschinofka abstattete und wo er mehrere Wochen verweilte, brachte diesen Gedanken in ihm noch mehr zur Reife und er entschloß sich, die MEDöii berühmter Rabbinen auf seine mathematischen Schriften sich zu verschaffen, und sie dann der Oeffentlichkeit durch den Druck zu übergeben. Allein an welchen Rabbinen sollte er sich wenden/ Wer wird es dem jungen Manne, der noch ohne IpT nn'nn, noch ohne Bart war, nicht verargen, daß er schon so früh sich' mit anderen Wissenschaften, als mit dem Talmud abgegeben, ja sogar, daß er schon als Schriftsteller auftreten will? Er sann, wie ec nun den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit wagen könne, ohne seinen orthodoxen Ruf zu gefährden, und erinnerte sich, daß der Rabbine zu Wilkowkck im Rufe eines der ausgezeichnetsten Talmudiften und eines Mathematikers stehe, und Urtheil wollte Selig sich vor Allem erholen. Er machte sich nach dem Städtchen auf und ging nach dem Morgengebete in das Beß-Midrasch, in welchem der Rabbi wohnte. An den Wänden saßen in langen Reihen die jungen Leute, die den Talmud studirten; oben bei der heiligen Lade saßen die Dajanim, die die Zivilprozesse der Gemeinde schlichteten. Schüchtern im kamelottnen Ueberwurf, unter dem er sein Werk verbarg, trat Selig zu einem ehrwürdigen Greise, der unter ihnen saß und den er für den Rabbi hielt. Allein man bedeutete ihm, der Rabbi sitze noch im Nebenzimmer und bete. Selig trat mit bangem Herzen dort hinein. Im Talis und Tefilin saß der Alte auf dem Sopha, vor ihm lagen talmudische Werke. Er sah auf den jungen, unbärtigen Mann, der ekntrat, reichte ihm aber um seiner Barttosigkeit willen auch die Hand zum Willkomm nicht, sondern frug ihm ernst und kalt: „War willst Du?" Slonimski wußte wohl, daß man ohne irgend eine schwierige Stelle im Talmud anzugeben, sich bei einem Rabbiner von so eminenten Rufe nicht introduziren könne, und antwortete daher auf die Frage desselben: „Rabbi, ich möchte Euch gerne über ekn Tosephos im Schabbes fragen." „Und dazu konntet Ihr Niemand anders als eben mich aussuchen," antwortete der Rabbi, dem diese talmudische Introduktion etwas verdächtig schien, und der mit richtigem Blicke noch etwas