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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-09-08 · Heft 37 (8.9.1845) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 37 (8.9.1845)
Date
1845-09-08
Page
Seite 571 (sequence 15)
Language
German
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571 angelegenheiten. Zwischen den Häuserreihen laufen die Armen hin und her, die zu Hause viele Kinder und kein Brod haben und die in dichtem Gedränge auf die Gelegenheit lauern, einen Groschen durch schweren Verdienst zu erhaschen. Eingehüllt in dem dünnen Ueberwurf, die Pelzmütze auf dem Haupte und ängstlich mit dem großen, schwarzen Feuerauge lugend, schlich sich Selig bis an das Gewölbe des Herrn Hirsch Simcha Katzenellenbogen, eines Mannes voll talmudischer Gelehrsamkeit und mit dem besten Willen, die Wissenschaft und das Gute überall nach Kräften zu fördern. Zwei Mal war Selig schon eingetreten; die vielbeschäftigte Wirttzin antwortete kurz: der Mann wäre nicht zu Hause. Schon an dem glücklichen Erfolge verzweifelnd, kam Selig dennoch zum dritten Male. Der wohlbeleibte Mann^ mit dem heitern Gesichte und dem freundlichen Charakter frug Selig, was er wolle. Dieser überreichte seine Briefe. Erstaunt über das nachdrückliche Empfehlungsschreiben des wilkowisker Rabbi und die jungen Jahre des Empfohlenen reichte Katzenellenbogen ihm zum herzlichen Willkomm die Hand, nahm ihn gastfrei bei sich auf, riech ihm, bis zum Sabbate, an welchem die Leute frei waren, sich ruhig zu verhalten, und gab ihm ein Empfehlungsschreiben an Hirsch Klatzko. Auch in diesem Hause, in dem Alle, die der Wissenschaft lebten, sich versammelten, fand er eine freundliche Aufnahme und man versprach ihm, dafür zu sorgen, daß die jüdischen Buchdrucker, bei denen er sein Werk verlegen wollte, am Sabbate der Versammlung beiwohnen sollten. Am Sonnabende, nach beendigtem Morgengottesdienste, saßen die ehrbarsten Männer Wilna's in Katzenellenbogens Hause zusammen. In den seidenen Kaftanen, mit den seidenen Mänteln und den feinen Zobelmützen, in ihren langen Bärten, mit den markirten, geistreichen Gesichtern warteten die ernsten Männer in der reichen Bibliothek des Hausherrn. Reich an Geist, geübt in scharfen Denken, voll von gründlichem Wissen warteten sie des Mannes, der so eminente Empfehlungen über seine Befähigung beigebracht. Er trat ein; das jugendliche Aeußece überraschte; doch der Geist, der im Gespräche sich äußerte, gewann ihm bald alle Hörer, und man ging ^begeistert mit dem Vorsatze auseinander, auf Mittel zu denken, wie man das Werk drucken lasse. Man begann mit Subskriptionen; allein die Armuth der Juden ließ dieselben nicht den erwünschten Fortgang nehmen. Die Buchdrucker selbst sind keine Unternehmer, um ein neues Werk der jüdischen Literatur einzuverkekben. Sie schreckten vor der Auslage von 1000 Rubek zurück, und so sah Selig sich genöthigt, nur einen Theik seines umfangreichen Werkes, den 'ü2tt ■»‘föin erscheinen zu lassen. Dieser Theil behandelt die Algebra und fand bei den Juden den ungetheiltesten Beifall. Minsk, bci$. von eminenten Talmudisten übervoll ist und an deren Spitze Rabbi Israel Michel Ieschurun steht, nahm den jungen Mathematiker höchst freundlich auf, und ermuthigt durch deN ersten Erfolg auf der mathematischen Bahn kehrte Selig nach Sabludoff zurück. Obwol er durch die Herausgabe eines wissenschaftlichen Werkes schon den Schein eines Halbberliners auf sich gezogen, was in seinem kleinem Wohnorte zu manchen Sticheleien Veranlassung gab und was ihm auch bei seiner orthodoxen Gattin verdächtigen konnte, so gab sich diese doch bald zufrieden, als er ihr den Ertrag seiner literarischen Reise, 75 R. S., überreichte. Er lebte nun anderthalb Jahre wieder fein friedliches Stillleberr fort, durfte sich auch etwas freier mit der Wissenschaft' beschäftigen; verschrieb sich einige Werke aus Leipzig und ging daran, ein Werk über den Halley'schen Komet zu. schreiben; in demselben wollte er die Juden mit dev neuern Astronomie, mit der ganzen mecanique celeste bekannt machen, und im Jahre 1835 ließ er in Wilna°. seinen üratfil 82212 erscheinen. Das Werkchen wurde mit derselben Anerkennung, wie das erste ausgenommen. Rappoport, Reggio, Geiger und andere Gelehrten traten mit dem jungen Verfasser in Korrespondenz; von allen Seiten ward ihm Aufmunterung und Beifall zu Theil. Mehr als dieses, freute ihn aber die Wirkung, die es auf seine jüdischen Landsleute hatte. Er hatte den Geist berechnet, in welchem ev für sie schreiben müsse, und richtig den Styl getroffen, der ihnen mundet. Die an die talmudische Kürze gewöhnten Köpfe lieben überall das eigne Denken,' die scharfe Konsequenz, lieben ein Material, das ihnen' noch selbst Stoff genug bietet, um weiter denken zu können. Der 82212 stellt in klarer Kürze seine Gedanken hin, verfolgt schnell und scharf sein Ziel, macht eine Wahrheit anschaulich, ja fast unwiderlegbar, verweist aber, wo es die Beweise gilt, fast durchgehends auf die christlichen Schriftsteller. Aller Vorkenntnisse' baar, sucht der talmudische Leser diese Schwierigkeitendennoch zu bewältigen; er sucht zu treffen, wie der Jude sagt, und wird eben da, wo es ihm trotz des größten Scharfsinnes mißlingen muß, mit Gewalt auf die syste-

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