Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1845)
- Date
- 1845-09-08
- Page
- Seite 561 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225427--07177-3237050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
561 es deshalb auch seine Synagogen sogar Schulen nannte. Lassen Sie uns nicht fragen: wie diese Schulen waren, was sie leisteten? Es ziemt sich wahrlich nicht dem gegenwärtigen Geschlechte, vor seinen Richterstuhl zu ziehen, was unsere Väter unter bedrückenden Umständen, unter stiefmütterlicher Behandlung von Seiten der Regierung, unter kränkendem Hohn und mißtrauischem Begegnen von Seiten ihrer Mitbürger, unter einer in jedem Falle erbärmlichen Lage gewirkt. Denn o, wir vergessen dabei nur allzusehr, wie wir zum großen Theil doch noch von dem Schatze zehren, den sie errungen und uns vererbt haben, vergessen, wie sie gelitten und gekämpft, um bewußt und unbewußt die bessere Zeit herbeizuführen, vergessen endlich, daß sehr Vieles, was wir an ihnen tadeln, nicht gerade ihnen, als Juden, eigenthümlich war, sondern überhaupt im Geiste und in der Richtung der damaligen Zeit lag. Denn wie stand es im Allgemeinen mit dem Erziehungs- und Bildungswesen? Wo waren, einzelne wenige Institute ausgenommen, die unter ungeheurem Auswande von Kosten und Kräften gediehen und des weit verbreiteten Ruhmes sich erfreuten — wo waren die Volksschulen, die bürgerlichen Erziehungsanstalten, die zum Muster hätten dienen können? Bestand doch aller Unterricht in einem trockenem Gedächtnißkram, bei dem es weder auf Anregung des Gemüthes noch auf Erfassen und Durchdringen des Geistes abgesehen war. Ein naturgemäßes Bilden, Erziehen des Menschen, eine darauf zielende Entwickelung aller der im Menschen liegenden Kräfte und sie gehörig in Einklang bringen, kannte man nicht. Legte man es zuweilen, bei hervorbrechender besserer Einsicht darauf an, mehr auf das Innere einzuwirken, den Geist zu beschäftigen, dann setzte man wiederum alles Aeußere hintenan und übersah, wie eben dieses in gar vielen Fällen die Handhabe ist und werden muß, um auf das Innere einwirken zu können. Gelang es auch einzelnen, besonders begabten Männern in den ihnen untergebnen Anstalten bessere Wege einzuschlagen, so mußte doch ihr Werk, sobald sie vom Schauplatze abtraten, bei dem Mangel einer obern, das Ganze leitenden Behörde, wiederum in Stillstand gerathen. Ganz natürlich mußte dieses in noch weit höherm Grade nachteiligen Einfluß auf das jüdische Schulwesen haben. Von allen Seiten bedrängt, sich selbst überlassen, ohne daß Jemand die Schulen Jsrael's überwachte, von ihrem Wirken und Gedeihen Kenntniß nahm, noch Rechenschaft sich ablegen ließ, konnte nur spärliches Licht in seine finstere, abgeschlossene Wohnung fallen. Das dunkle Zimmer mit seinen schmutzigen Wänden mußte mehr einem Kerker denn einer Schule gleichen, hinter den finsteren Mauern Jedem unheimlich werden, die Lehrer mehr Zuchtmeister als Erzieher sein, und den Kindern die Schule mit ihrer dumpfen Luft, zur drückendsten, verwünschtesten Aufenthaltsstätte werden. Im scharfen Gegensätze zur Außenwelt, abgesondert vom Leben konnte sie bei dem Beschauer, der ihr etwa einen flüchtigen, beobachtenden Blick zuwarf, nur eine verächtliche Vorstellung Hervorrufen, mußte sie das Vorurtheil erzeugen: das Judenthum vertrage sich nicht mit wohlgeordneten Schul- und Bildungsanstalten, und ihm, das man verwahrlost ließ, bürdete man noch die Schuld der Verwahrlosung auf, und machte ihm kränkende Vorwürfe darüber. — Gottlob! das ist nun anders geworden! Jeder Blick bei unserm Erscheinen allhier überzeugt uns davon. Ueber die freundlichen Lehrsäle dieses Hauses weht ein frischer belebender Frühlingshauch; gehoben fühlt sich der Lehrer, wenn er hier eintritt, und voll Begeisterung, ein würdiger Verwalter seines schönen und wichtigen Berufes zu sein, schwellt ihm die Brust; das Kind fühlt sich gleich bei seinem Eintritte in eine höhere, edlere Sphäre versetzt als die des gemeinen Lebens, Bildung strömt ihm gleichsam in der Luft zu, die es hier einathmet, nichts stört den angebornen Schönheitssinn der menschlichen Seele, und es wird sich von selbst fast bewußt der freien Kraft seines Geistes, die sich hier gedeihlich entwickeln soll. Nicht mehr ist es die sich gänzlich selbst überlassene, dem Wechselspiele der Verhältnisse unterworfne, von der Ab- und Zunahme der Kräfte und Einsichten Einzelner abhängig gemachte Anstalt; nein, wir erblicken ein Institut, das vom Staate anerkannt, von feiner väterlichen Fürsorge überwacht, seiner besondern Beachtung gewürdigt wird, ein Institut,. das ob seiner Leistungen mit Recht Anspruch darauf machen darf, zu den geachtesten und vorzüglichsten gezählt zu werden. Nicht mit argwöhnischem, mißtrauischem Auge sehen unsere christlichen Mitbürger auf dieses Gebäude und was hinter seinen Mauern vorgenommen wird; nein, ihre herzliche Theilnahme,