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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-09-01 · Heft 36 (1.9.1845) · p. Seite 553

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 36 (1.9.1845)
Date
1845-09-01
Page
Seite 553 (sequence 13)
Language
German
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553 man die verkaufte Butter eknwickeln kann." Versteckt und verstohlen, wenn Niemand ihn bemerkte, setzte er dann mit eisernem Fleiße seine mathematischen Studien fort, und war in zwei Monaten mit dem Buche zu Ende. Er hatte es mit vielen Randglossen bereichert, einige falsche Sätze in demselben gefunden, und sing schon an, seines Gegenstandes Meister zu werden. In Vji Jahren hatte er sich die genannten Fächer zu eigen gemacht, obwol die Furcht, in seinen Studien entdeckt zu werden, ihm viele Zeit raubte. So konnte er z. B. in den Monaten Elul und Tischri nichts studiren, da zuerst die Bußtage die ganze Zeit in Anspruch nahmen, und er dann in der kein Buch in die Hand nehmen konnte. Allein jetzt bedrohte ihn ein andrer Unfall. Die drei Jahre, während welcher er mit seiner Frau und seinen drei Kindern vom Schwiegervater unterhalten worden war, waren zu Ende, und ohne Vermögen und ohne Erwerb sah er einer sorgenvollen Zukunft entgegen. Es blieb ihm nichts andres übrig, als die Stelle eines Buchhalters bei seinem Bruder anzunehmen, der vierzig Meilen von Bialystok tief im Walde eine Glasfabrik hatte. Hier war ihm 1V2 Jahr jede Hoffnung auf weitere Fortbildung genommen; er sah kein Buch, kein neues Werk, und beschäftigte sich nur mit dem Wiederholen des Erlernten in den wenig Musestunden, die das Geschäft ihm ließ. Ihm fehlte noch die Welt, auf die er seine Kenntnisse anwenden wollte; ec kannte nichts als die Mathematik und den Talmud, und so wandte ec die Mathematik auf den Talmud an. Er nahm z. B. den Midrasch auf die Sidrah Noah vor, wo die Rabbi's im Kapitel über den Vers fisbsn streiten, und berechnete nach hydrostastischen Gesetzen, wie tief die Arche im Wasser gegangen. So verging seine Zeit, bis er nach 1*/r Jahren von seinem Bruder in Geschäftsangelegenheiten nach Grodno gesandt wurde. Dort hörte er, daß ein jüdischer Bücherantiquar eine ganze Sammlung von Büchern nach dem Gewichte verkaufe. Selig ging zu ihm und erbot sich, das, was er kaufen würde, ihm etwas theurer zu bezahlen, wenn er ihm erlauben würde, sich die Bücher auszuwählen. Selig suchte und suchte, -als sie hierüber einig geworden, bis er die reine und angewandte Mathematik Abel Berrias in 18 Bänden fand. ' Er eilte nach beendigtem Geschäfte mit ihr nach Hause. Dort durfte von dem neuem Schatze, den er erworben, Niemand etwas erfahren, und er hielt denselben Ln einem Koffer verpackt unter seinem Bette. In den späten Stunden der einsamen Nächte, in welchen das Geschäft ihn nicht störte, studirte er denselben durch und sing nun an, sich als Mann in seinem Fache zu fühlen. Da er wußte, daß die jüdische Literatur keine Werke dieser Art habe, und dem russischen und polnischen Juden, dadurch die Gelegenheit sich nur selten darbiete,, in der Mathematik sich zu unterrichten, so unternahm er es, einen ganzen Kursus der Mathematik, der reinen wie der angewandten in rein hebräischer Sprache zu schreiben. Wer es weiß, wie viele Ausdrücke für diese Wissenschaft fast ganz neu im Hebräischen geschaffen werden mußten, welche gründliche Kenntniß der hebräischen Sprache wie der Mathematik ein solches Unternehmen voraussetzte, der wird schon blos in diesen Gedanken den Geist errathen, den ein gerechtes Selbstvertrauen tragt, sowie das Herz erkennen, das die geliebte Nationalität mit dem Schmucke der Wissenschaft zieren möchte. Er schrieb das ganze Weck in dem schönen hebräischen Style, den die deutschen Juden trotz ihrer vergleichenden Sprachstudien, seit Mendelssohn vergessen haben, und in dem viele russische und polnische Juden sich so vortheilhaft vor ihnen auszeichnen. Die Aettgstlichkeit, mit der Selig seine Studien betrieben hatte, rief nun auch,natürlich eine Schüchternheit hervor, die ihn an die Veröffentlichung seines höchst merkwürdigen Werkes gar nicht denken ließ. Er behielt dasselbe in seinem Koffer, freute sich an demselben, vermehrte und verbesserte dasselbe; aber gewiß hätte Niemand weder etwas von seinen mathematischen Kenntnissen, noch von seinen Leistungen erfahren, wenn nicht der Zufall ihm von Neuem günstig gewesen wäre. Er wurde von seinem Bruder zum zweiten Male nach Grodno geschickt. In dem Gasthause, in dem er abgestiegen und das ganz mit Fremden besetzt war, kam spat am Freitag Nachmittage ein Wagen mit Reisenden angefahren. Der Sabbat war so nahe vor der Thüre, und sie hatten schon so viel umsonst in der Stadt nach Wohnungen gefragt, daß sie standhaft sich weigerten, weiter zu fahren, und nur um ein Winkelchen baten. Es war nur noch ein kleines Zimmer unbesetzt, zu dem .man aber nur durch das Zimmer Selig's gelangen konnte. Wider den Willen des Letztem,, der die Einsamkeit liebte und nicht durch die zudringliche Neugierde

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