Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1845)
- Date
- 1845-09-01
- Page
- Seite 552 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Korrespondenz. Russisch-jüdische Skizzen. 27. Mai St. Petersburg, den—g—gun. 1845. (Fortsetzung.) Ein junger Mann aus Sabludoff, ein gewisser Herr Waldenberg studirte damals in Wilna Medizin und kam in den Ferien nach Hause. Selig zeigte ihm die mathemathischen Figuren, die er gezeichnet. W. erstaunte über dieselben; riech unserm Selig auch den ‘’V’aiD (Astronomie) von Rabbi Elijahu Heches zu studiren, machte ihn aber vorzüglich darauf aufmerksam, daß er aus den jüdischen Werken sich eine höchst unvollstständige Kenntniß der Mathematik erwerben würde, und daß ec zu den deutschen Werken hierüber greifen müsse, wenn er wirklich vorwärts kommen wolle. Selig kannte aber noch kein deutsches A, wie sollte er deutsche Werke studiren; er dachte also nur daran, wie er den bekommen könne. Ec wußte, daß der Apotheker, Herr Michel Sabluvofski in Bialystock eine auserlesene jüdische Bibliothek habe, und machte sich also nach dieser Stadt auf. Er wagte nicht direkt um dieses Buch bei ihm anzuhalten, aus Furcht, als Berliner bei ihm verschrieen zu werden. (Berliner Sektirer: die polnischen Juden nennen einen Jeden, der sich mit einer andern Wissenschaft als dem Talmud abgiebt, einen Berliner, weil Mendelssohn in Berlin durch seine Uebersetzung des Pentateuchs ff. auf . die Bahn der Wissenschaften .brachte.) Nach langem Umschweifen frug Selig Herrn Sabludofski, den er erzählte, daß ec die und die jüdischen Werke studirt: „Habt Ihr nicht etwas von jenen Sephorim?" Sabludofski besann sich und antwortete: „Ich habe den ahpTi aber es ist ein seltenes Werk und darum verleihe ich ihn nicht." „Ich gebe Euch den V2b>8 (Alphesi) zum Pfände, daß ich ihn Euch in kurzer Zeit unversehrt zurückbringe," sagte Selig, „ich bitte Euch, versagt mir den Gefallen nicht." Sabludofski händigte ihm das Buch ein. Auf dem Wagen des Fuhrmanns durchblätterte er in später Abenddämmerung beim Nachhausefahren das Buch, und eilte, heimgekehrt, an das Studium desselben. In vierzehn Tagen war er damit zu Ende, hatte neue Beweise für viele Lehrsätze desselben gefunden und brachte es mit innigem Danke demEigenthümer zurück, der ihm den von Rabbi David Fliesenhausen einhändkgte. Zum ersten Male erfuhr Selig aus diesem Buche, daß es eine Wissenschaft Algebra gäbe; er ahnte den Zusammenhang derselben mit seiner Astronomie und Geometrie, aber er kannte kein hebräisches Werk, das ihm hierüber genügenden Aufschluß gäbe. Sabludofski, dem er das Buch zurückstellte und der sich von dem Feuereifer und den seltenen Anlagen des jungen Mannes überzeugte, schlug ihm vor, sich an deutsche Werke zu machen, und führte ihn zu dem Zwecke zu dem Architekten im Orte, bei dem sie Werke zu finden hofften. Der Mann hatte nichts, als die Algebra Eulers, und lächelte, als der Jüngling mit dem schwarzen Auge, der kein A verstand, keinen Blick von den Rechnungen in demselben wandte. Ec erhielt das Buch, aus dem er Mathematik und Buchstabiren lernen sollte. Sabludofski schrieb ihm auf die einzelnen Buchstaben die entsprechenden aus dem jüdischen d'm, und in zwei Tagen las Selig ziemlich gut. Er eilte nach Sabludoff zurück, wo er eine halbe Stunde über einer Seite zubrachte, aber dennoch in drei Wochen die beiden Bände durch hatte. Die logische Festigkeit in den Schlüssen, die Sicherheit in den mathematischen Sätzen, das methodische Fortschreiten sagte seinem Geiste zu; während nun seine Leute glaubten, daß er, wie früher, in seinem Zimmer auf- und abgehe, und ein Paar Traktate in sich hineinbrumme, wiederholte er jetzt in demselben Tone die beiden Bände auswendig. Da er jetzt die mathematischen Werke in deutscher Sprache zu lesen im Stande war, so suchte er, als ec nach drei Wochen den Euler nach Bialystok zurückbrachte, bei den jüdischen Bücherkcämern nqch solchen Werken. Auf der Gasse begegnete ihm eine solche wandernde Bibliothek, die Mennig's Kursus der Mathematik in vier Bänden unter dem Arme hatte. Ec enthält Alles, Differential- und Integralrechnungen; die Optik, Statik und Hydrostatik ff. Selig erstand das Werk und brachte es nach Hause. Zum ersten Male hatte er ein deutsches -Buch zu eigen, und er mußte fürchten, um seinen guten Ruf als frommer Talmudist zu kommen, wenn er entdeckt würde. Auf der Decke des Himmelbettes, auf der man des beschränkten Raumes wegen das Brot, die Butter, Eier und andern. Hausbedarf hatte, verbarg er seinen mathematischen Schatz. Seine Frau spürte ihn auf und frug, was die Viöd da oben sollten. „Nichts," antwortete Selig, „das ist Papier, in das