Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1845)
- Date
- 1845-09-01
- Page
- Seite 549 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225426--07164-3237036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
549 lehrten Gäste" ein Festessen veranstaltet, welches jedoch ziemlich spurlos vorübergegangen ist, da nur Herr Dr. Salomo gegenwärtig, während die Herren DD. Holdheim und Geiger vergeblich erwartet wurden. Vom Niederichein, im August. (Privatmitth. Fortsetzung.) Das Schulwesen ist erst im Entstehen. In den 130 Gemeinden sind jetzt nur erst 17 Schulen mit 19 Lehrern und außerdem noch 6 Privatlehrer bei einzelnen Familien größtentheils auf dem Lande. Vor 8 Jahren waren deren aber nur zwei im ganzen Sprengel, nämlich in Goch und Aachen. Die übrigen Lehrer sind größtentheils durch die Vermittelung des sel. Dr. Ullmann in den Sprengel gekommen. Sogar einige der größten Gemeinden z. B. Kleve, Neuß, Linnich, Wickerathberg ff. haben noch keine Schulen; Neuß hat noch nicht einmal eine Synagoge, sondern der Gottesdienst wird dort in einem elenden Lokale verrichtet: Außerdem' sind noch viele Umstände, die aber beseitigt werden können und müssen, welche dem Aufblühen und Gedeihen des Schulwesens hinderlich sind. Im ganzen Sprengel sind nur zwei Lehrer, welche definitiv angestellt sind, die übrigen sind es meistens nur auf ein Jahr, und dann findet gewöhnlich ein Wechsel statt; ferner bestehet größtentheils noch Wandeltisch, und dieses ist sehr häufig die Ursache des Konflikts zwischen Gemeinde und Lehrer. Am Nachtheiligsten für das Emporkommen der Schulen ist der Mangel einer gehörigen Inspektion. Die Eltern, besonders aus dem Lande, haben nicht die Kenntnisse um über das Wirken des Lehrers zu urtheilen, besonders da der jetzige Unterricht bedeutend abweicht von dem, den sie in ihrer Jugend erhalten haben. Schlimmer noch sieht es in der Synagoge aus. Der Gottesdienst liegt ganz im' Argen. Es werden überall noch die ungeheure Masse der Piutim mit der größtmöglichsten Geschmacklosigkeit hergeplappert; es findet fast noch überall das abscheuliche Mitzwothverkaufen statt; es werden noch fast überall der Schwall von Mischeberach's gemacht; Jeder, dem es einfällt, ist Vorbeter, ob er richtig lesen kann, wird nicht beachtet, wenn nur tüchtig schreien und den schnörkelnden Singsang. Es bestehet zwar eine Synagogenordnung vom 20. Mai 1836, abgefaßt vom sel. Dr. Ullmann, welche, von den Regierungen zu Düsseldorf, Köln und Aachen genehmigt, in allen Synagogen bekannt gemacht und angeheftet wurde, aber fast nirgends ausgeübt wird; ja mancher Vorsteher sucht sich dadurch auszuzeichnen, daß er beim Beten am Aergsten schreit oder sich am Meisten schaukelt. Welch' einen religiösen Genuß kann ein solcher Gottesdienst gewähren, man ist ohne Andacht in der Synagoge und geht ohne Erbauung heraus. — Eine ehrenwerthe Ausnahme machen folgende Gemeinden: Aachen, wo ein gut geleiteter Chor, sowie ein gehörig geordneter Gottesdienst eingeführt ist, Kleve und Vierßen haben auch Choralgesang, auch soll in neuerer Zeit in Ddenkirchen und zuweilen in Krefeld derselbe stattsi'nden; das Mitzwothverkaufen ist abgeschafft in Aachen, Wevelinghoven, Düren, Vierßen und Frechen. — Die Leitung der Gemeindeangelegenheiten ist in den Händen der Vorsteher. Diese haben die Leitung der Gemeinde nach Innen und die Vertretung nach Außen. Die Vorsteher werden vom Konsistorium ernannt und zwar auf Lebenszeit. Nach welchen Bestimmungen, nach welchen Ansichten bei dieser Ernennung verfahren wird, ob der zu Erwählende einer bestimmten Farbe, der Orthodoxie oder der Reform, angehören muß oder nicht — gehören zu Dingen, die stets verborgen bleiben. Nur soviel sehen wir, daß meistens die Reichsten gewählt werden. Zugegeben, daß die möglichst freie und unabhän'gige Stellung, der Gemeinde gegenüber, als auch die würdige Repräsentation gegen Außen, nothwendige Attribute sind, deren sich nur der Reiche zu erfreuen hat, so fragt es sich doch, ob die Reichen wirklich die Besten, die Tauglichsten, die Frömmsten, die Intelligentsten sind? — Der größte Theil der Reichen hiesiger Gegend bestehen aus Parvenüs, die zum Theil selbst, oder doch wenigstens deren Eltern in Armuth gelebt und daher nicht die Mittel oder die Einsicht gehabt haben ihren Geist auszubilden. Es sind uns sehr viele Vorsteher bekannt, die nie eine jüdische Zeitschrift gelesen, welche Begriffe diese nun von Religion und Judenthum haben, laßt sich leicht abnehmen; sie kennen weder die Vorzüge noch die Mängel des Gotteshauses oder, der Gemeindeinstitute, und sind daher auch für deren Aufblühen und Gedeihen nicht begeistert; den Kampf der Zeit spüren sie nicht und die Krisis im Judenthume ist ihnen unbekannt. — Bedenkt man nun noch, daß, wenn das Konsistorium'einen Vorsteher einmal ein- 36»