Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1845)
- Date
- 1845-09-01
- Page
- Seite 547 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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547 ben, die bei ihrer Zweideutigkeit doch das Eine zu erkennen gibt, daß die Genossenschaft, insofern sie sich über den allgemeinen Stand der Reformen erheben werde, von den Rabbinern nichts zu erwarten habe-, was bei ihr die Ueberzeugung gereift haben soll, daß sie einen eignen Weg gehen müsse." Hierüber muß man sich doch ein wenig expektoriren. Die Reformgenossenschaft hat eine Addresse an die Rabbinerversammlung gerichtet, aus der lediglich das Eine hervorging: ob die RabbinerpersammLung das Streben der Genossenschaft, soweit es eben ein Ausdruck des Meformbedürfnisses ist, als berechtigt anerkenne? Das war das punctum 8ali8. Was antwortete die Rabbinerversammlung? Sie erkenne dieses Streben als vollkommen berechtigt an, und werde ihm ihre Unterstützung zu jeder Zeit widmen, so lange die Genossenschaft von den Prinzipien ausgehen werde, von welchen die Rabbinerversammlung bei einer Reform im Iudenthume ausgehen zu müssen glaubt. Ist das zweideutig? Und was sollte sie anders sagen? Sollte sie sagen: Thut, was Ihr wollt, Ihr habt unbedingt und in Allem Recht!? Das. wäre Gesinnungslosigkeit gewesen. Die Resormgenossenschaft hat diplomatisch gefragt: die Rabbinerversammlung mußte diplomatisch antworten. Und sie hat es gethan geradezu und ohne Umschweife. Die Rabbinerversammlung will die Ueberzeugung ihrer Theilnchmer zum Ausdruck bringen. Sie wird keinem Andern das Recht streitig machen, dies seinerseits auch zu Lhun; aber sie kann nicht für recht erklären, was eine andere Ueberzeugung ist, denn dann widerspräche sie sich selbst. Die Breslauer hingegen hatten ohne Umschweife über bestimmte Punkte ihre Ansichten dargelegt: die Rabbinerversammlung antwortete hier ebenso: diejenigen Punkte, die sie schon erörtert hatte, da wies sie auf das Resultat ihrer Verhandlungen hin; über die Punkte, welche sie noch nicht berathen, mußte sie auf die nächsten Versammlungen verweisen, wo dieselben zur Berathung bestimmt sind. Konnte sie etwa über Dinge antworten, die sie noch nicht verhandelt hat? Genug, sie hat die Fragen nicht zurückgewiesen, nicht abgelehnt, sondern als die ihrigen bezeichnet. Zweideutig waren die Antworten gar nicht. — Dies führt auf einen andern Artikel in derselben Nummer der D. A. Z., wo aus Breslau der Rabbinerversammlung vorgeworfen wird, sie habe mit der Orthodoxie wieder anzuknüpfen gesucht, sie habe sich blos mit der Liturgie beschäftigt, weil diese ein neutrales Gebiet sei, sie habe das Zeremonialgesetz nicht zu berühren gewagt ff. ff. Auf dergleichen Klagen und Urtheile konnte man gefaßt sein. Diese Herren wollen den Standpunkt der Rabbinerversammlung nicht begreifen. Die Rabbinerversammlung kann nicht einseitig allem von der Frage ausgehen: was fordert das gesellschaftliche Leben? und dies dann, mir nichts dir nichts, zugestehen. Die Rabbinerversammlung, als eine Vereinigung wissenschaftlicher Theologen, muß auch auf die Frage eingehen: was fordert die gegebene, positive Religion? Und Beider Forderungen muß sie mit und gegen einander abwägen. Dies ist aber keine Sache des'Moments. Die Herren sprechen stets von „Ausgleichung des Lebens und der Lehre" — nun, ist das eine „Ausgleichung", wenn man die Lehre dem Leben in die Arme wirft und sagt: mach' damit was du willst! Daß die Liturgie zuerst zur Sprache kam, war erstens Werk des Zufalls, daß diese in der ersten Versammlung alß die erste Frage ausgestellt worden, war zweitens Werk der Nothwendigkeit, weil der öffentliche Kultus das Dringendste und Andrängendste ist, und von ihm allein der Impuls zur Regenerirung des religiösen Lebens zu erwarten ist. Die Rabbinerversammlung wird ihren Weg gehen. Gerade diese zweite Rabbinerversammlung ist Bürge dafür. Sie hat zu bugsiren durch die steilen Felsen der Stabilität und die Brandung der sich selbst überstürzenden Zeitwogen. Mitten hindurch geht ihr Weg. .Nur durch Besonnenheit und Mäßigung, nur durch ruhige Beachtung der Gefahren von beiden Seiten, nur durch bewußtes Streben, die Forderungen des Positiven und der menschengeschlechtlichen Kultur gleicherweise zu beachten, kann sie zum Ziele gelangen, das da ist: Erhaltung des gelauterten Iudenthums! Sie wird noch lange geschimpft werden, noch lange heute in den Himmel gehoben, morgen in die Tiefe geworfen werden: aber am Ende, wenn sie ihres Werkes einen größer» Lheil vollendet haben wird, wird Alles, was dem Iudenthume treu bleibt, sich ihranschließen, darum eben, weil sie der wahre Ausdruck der Gesinnungen und Strebungen im deutschen Israel gegenwärtig ist.