Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1845)
- Date
- 1845-09-01
- Page
- Seite 543 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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543 zehnten Jahrestag der Julirevolution, dessen unmittelbares Resultat die Gleichheit der Kulte, die Anerkenntniß unsrer Religion vor dem Gesetze, und die Befähigung, diese Religion mit gänzlicher Freiheit und nach dem Geiste und der Form, die sie von anderen Glaubensbekenntnissen unterscheiden, zu bekennen, waren. Welchen Gebrauch machen wir von dieser Freiheit der Kulte, von dieser göttlichen, unter der Sonne von 1830 gereiften Frucht? Unser Tempel ist öde, die jüdische Religion, hebräisch sprechend und bekleidet mit ihren antiken Symbolen, ist von den berühmtesten israelitischen Bürgern verlassen, und wir können sie ebenso wenig im Innern der Familien finden, französisch sprechend und ihre schönen Kleider am Sonntag statt des Sabbats anlegend! Wir finden nur Eines, das ist, daß man unter Feiheit der Kulte die Freiheit versteht, an Nichts zu glauben, seine Kinder in keiner Religion zu erziehen, und in seiner Hand auch nicht ein einziges Buch zu haben, hebräisch oder französisch, das von der jüdischen Geschichte oder dem jüdischen Glauben handelt! Man spricht fast nichts mehr von den Konsistorialwahlen; man ignorirt gänzlich was bei unseren Glaubensgenossen anderer Lander vorgehet; die Installation des Oberrabbinen von London, die reformatorischen Bestrebungen in Berlin, die Rabbinersynode in Frankfurt, wer beschäftigt oder behelligt sich mit Solchem in Paris? Die materiellen Kommunikationen mit den entferntesten Ländern geschehen mit einer wunderbaren Geschwindigkeit; man weiß heute in Paris, was gestern in Amsterdam geschehen ist. Hierin machen wir unermeßliche Fortschritte; aber Rückschritte, schmerzliche Rückschritte machen wir in Allem, was die relgiösen, geistigen Kommunikationen betrifft; wie man ehemals einen ganzen Monat brauchte, um von Paris nach Brüssel zu kommen, brauchen wir jetzt sechs Monate, ein Jahr, um das kennen zu lernen, was im Judenthume zwei Schritte von uns vorgeht. Die katholische Kirche Frankreichs kam in lebhafte Aufregung bei der religiösen Umwälzung, die in Deutschland durch Ronge und Czerski bewirkt wird. Wer nimmt unter uns einen Antheil für das, was im Konzil zu Frankfurt oder in Berlin geschieht? Die Protestation der 77 Rabbinen ist an den Ufern der Mosel stehen geblieben, und der elektrische Faden, der, jetzt noch, die ganze Christenheit umfaßt, und der ehemals den französischen Juden fühlen ließ, was bei den afrikanischen oder chinesischen geschah, dieser magische Faden, diese Seele des Judenthums ist entzwei geschnitten, und läßt uns in einer moralischen Jsolirung, tausendmal schrecklicher als das Ghetto zu Rom oder die Judenstadt zu Prag. — DerKonsistorialtempel von Paris besitzt jetzt einen ausgezeichneten Vorsänger, der alle 14 Tage eine gute Zahl „Gläubiger" herbeizieht; Gott allein hat dieses Mirakel des H. Naumburg nicht bewirken können. Aber der Zulauf ist schon im Abnehmen und bald, wenn der Reiz der Neuheit geschwunden, wird man nicht mehr in das Gotteshaus gehen, wie man nicht mehr in die Oper geht, wenn man dasselbe Stück mehrere Male gesehen hat. Führt die Orgel und alle Reformen der Welt ein, die Dinge ändern sich nichts; sic werden so lange ein todter Brief bleiben, als der Geist und die Liebe zur Religion sich nicht wieder beleben und ihnen den Hauch des Lebens einflößen werden *) **). — Mag die bevorstehende Ernennung eines Großrabbinen des Zentralkonsistoriums ein wirksames Heilmittel dem Uebel bringen, das zu bezeichnen eine so schmerzliche Pflicht ist. Mögen die Israeliten von Paris, so ausgezeichnet durch viele Eigenschaften, von dieser beklagenswerthen religiösen Indifferenz zurückkommen, welche ihre Kinder allen Verlockungen des Lasters überläßt, und die früh oder spät aus einer Gesellschaft stoßen wird, wo der Unglauben, jüdisch oder christlich, keinen Platz haben darf! —. Das Konsistorium von Paris will das Kollegium der Notabeln erst gegen Thischri zusammenberufen, weil gegenwärtig Viele in den Bädern sind. Großbritannien. London, 16. August. Nachdem die Bill wegen Aufhebung,der Unfähigkeit der Juden zur Bekleidung städtischer Aemter Gesetzeskraft erlangt hat, ist von Hrn. D. Salomons dem Alderman Moon schriftlich eröffnet worden, daß er, da seine *) Der Herr vergißt aber die begeisterte und begeisternde Predigt!! ' Redakt. Kann dies aber ohne eine wiede cheleben de Reform geschehen? Neda kt.