Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1845)
- Date
- 1845-08-25
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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538 rische Trigonometrie und Stereometrie. Das Buch war aber ohne Figuren. Selig ahnte es gar nicht, daß hier Tafeln fehlten, und sing sich die Figuren selbst zu zeichnen an. Jetzt wurde ihm der tzn'r'p und wnwn maian erst recht klar, und er faßte diese Wissenschaft so gründlich, daß ec die Beweise vom rechtwinkligen Dreieck in der sphärischen Trigonometrie, die in dem Buche fehlten, selbst fand und ergründete. Wie er früher in seinen Winkeln auf- und abgegangen, die talmudischen widersprechenden Stellen und andere solche Fragen aufzusi'nden, und mit schüttelndem Kopfe, drehendem Finger und singender Stimme sie zu lösen gewohnt war, so drehte er mit seinem Finger, mit demselben Feuergeiste nun auch die geometrischen Probleme durch, ohne daß Jemand in seiner Falnilie von seinen Studien etwas ahnte. Seine Frau, erzählt er, eine gutmüthige, fromme Seele, kannte nichts als Gott und ihren Mann. Ein kleines Krämchen mit Hering, Salz und anderen Kleinigkeiten bildete den Erwerb der Familie; eine Kuh versorgte sie mit Milch und Butter. Oft wenn er mit den schwersten Sätzen der sphärischen Trigonometrie beschäftigt war, kam plötzlich die Frau herein: „Selig, die Kuh ist nicht im Stalle; der Hirt muß sie nicht gebracht haben; sie muß sich verlaufen haben." Und über Hals und Kopf lief unser vermummter Mathematiker im Dorfe herum, bis er endlich seine Kuh fand, und glücklich, wie jener Bischof, sie seiner Familie zuführte. Und dann ging's von Neuem an den tzmp rvmi, der in kurzer Zeit beendigt und vollkommen begriffen war. Um dieselbe Zeit kam wieder ein jüdischer Bücherkrämer nach Sabludoff, der den in's Hebräische übersetzten Euklides von Rabbi Baruch Sklower hatte. Er hatte nur ein Exemplar, und forderte eine Summe, die Selig nicht zu geben im Stande war, und doch konnte er das Buch nicht unbenutzt aus den Händen laffen. Er schlug daher dem Krämer vor, daß er — es war des Donnerstags Abends — das Buch bis Montag früh behalten wolle, und daß er es dann kaufen werde, wenn er es nützlich fände. Montag früh aber gab er das Buch zurück, denn er hatte es in drei Tagen gründlich durchstudirt. Es liegt für den, der die seltene Begabtheit der jüschen Geister Rußlands nicht kennt, etwas Unglaubliches in diesen Daten. Ein hochgestellter Staatsmann, dem ich dieselben mittheilte, sagte erstaunt: „Wie allein und ohne Lehrer hat er alle diese Studien gemacht? Nun, dazu gehört einmal , eine besondere Lust!" Aber eben in diesem ironischen Erstaunen liegt die Antwort auf das Wunderliche dieser Erscheinung. Die besondere Lust, die der Jude an dem selbstständigen Denken hat, erleichtert ihm die schwierigste Geistesarbeit. Was ist unsere Erziehung in Deutschland in den ersten Schuljahren anders, als ein Rezipiren der vorgekauten Elementarwiffenschaften; was ist der Unterricht anders, als ein Bemühen, in der leichrfaßlichsten Methode sich demkindlichen Geiste anzubequemen, anstatt das Kind in selbstthätigen Denken zu sich hecaufzuziehen. Wie lange ist es, seitdem man die Denkübungen in das Programm der Lehrgegenstände ausgenommen, und was 'ist ein ganzer Gymnasialkursus anders, als ein Auswendiglernen von philologischen Regeln, zu deren Anwendung nur Uebung, aber kein sehr großer Scharfsinn gehört; von Geschichte und Geographie, die unbegciffen in uns liegen, von Mathematik, die wir nur zu verstehen, aber nicht anzuwenden lernen auf etwas Tüchtigem, an dem wir die erfinderische Kraft des Geistes üben könnten? Es ist ein ewiges methodisches, in logische Stiefel eingeschnürtes Vorbereiten zu dem, was da kommen solle; und wahrlich wenig, sehr wenig zum Verhältnisse der langen Zeit ist es, was man beim Gymnasial-Absolutorialexamen in seinem 18. Jahre versteht. Und der Jude? Von seinem siebenten Jahre an wird er in Rußland in das Labyrinth des Talmuds eingeführt; kein leichtfaßliches Lehrbuch, kein stufenmaßig sich entwickelndes Lehrbuch hat er in seiner Hand; kurze Satze, scharfe Gedankenblitze, geistige Hieroglyphen, die die mannigfachste Deutung, gestatten, treten vor den kindlichen Geist; der Melamed (Lehrer) leitet ihn, aber hilft ihm nicht über die Schwierigkeiten hinüber; er zeigt ihm dieselben an, weckt den Scharfsinn durch die aufgestellten Paradoxe, fordert, indem er mit dem Degumer einen Halbkreis in der Luft beschreibt und dem Knaben sein ungeduldiges „Nu!" zukreischt, zur eigenen Lösung auf, und der Knabe wird durch diese unmethodische Methode an ein so richtiges Analysiren der schwersten Begriffe, an ein so rasches Auffaffen der Gegensätze und ihrer Lösung, an einen so gewandten Ueberblick über jedes Thema bequemt, daß ec rasch in dasselbe eindringt, und ich möchte sagen, instinktmäßig zu einem dasselbe ergründenden Denken getrieben wird. Wir verlachen diese Lehrweise und spotten, wenn wir den Melamed in zerrissenem Kaftane und schmutzigem Barte mit schmutzigen Schülern mit einem gewissen Tone, einer wilden Manier den Talmud studieren sehen? Aber der Jude