Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1845)
- Date
- 1845-08-25
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225425--07148-3237019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
534 Aus dieser Schilderung läßt sich schon leicht ein Bild der Intelligenz von den Juden hiesigen Sprengels entwerfen. Sie können daher auch nicht, auf den Grad Anspruch machen, wie ihn der Bewohner größerer Städte und Gemeinden besitzen kann; es Wlt aber auch sehr häufig noch der Grad, welcher überall, undHlso auch auf dem Lande, gefordert und erlangt wird. Der Aberglaube, obschon im Abnehmen, ist auf dem Lande noch vorherrschend, und ein Punkt aus der ‘Tönr. irnim bw N8112 wird mit ebenso gewissenhafter Pünktlichkeit beobachtet, wie eine n^r-7. Am traurigsten sieht es beim weiblichen Geschlechte aus. Die früheren Generationen lasen das Wn ön , -ivno llinrr u. dergl. mehr, dem Geiste der vorigen Jahrhunderte ganz entsprechende Er-banungsbücher; diese Bücher wurden fleißig gelesen und fanden sich fast in jedem Hause. Aber die Sprache, sowie die Tendenz dieser Bücher entsprechen nicht mehr dem Geiste, noch dem Geschmacke der jetzigen Generation. Aber sind diese Bücher durch andere, der Zeit angemessene Erbauungsbücher ersetzt worden? Mit Nichten. Das nsarn msnss ist verschwunden, aber kein andres Buch hat seinen Platz eingenommen, obschon wir, Gott sei Dank, nicht ganz Mangel hieran leiden. Wir haben z. B. die Stunden der Andacht von Rosenfeld u. Heidegger; das Leben der -Patriarchen von Dr. Sommerfeld u. dergl. mehr,' welche gewiß in keiner Familie fehlen sollten, aber leider fast nirgends zu finden sind. Dieses kömmt -daher, weil die Eltern durchgehends das Bedürfniß 'der jetzigen Zeit, und folglich auch ihrer Kinder nicht -kennen, und vom Rabbinen dieser Punkt, was höchst unverzeihlich ist, nie -erörtert worden. Unter diesen Umständen wächst der größte Theil des weiblichen Geschlechts ganz ohne Religion auf, oder man müßte die Küchenreligion als solche 'annehmen. Die -Folgen bleiben schon jetzt nicht aus-; tödtende Langweile, welche -auf allerhand -Thorheiten sinnen läßt, ist an-die Stelle religiöser -Erbauung getreten, und -in wichtigen 'Epochen .des Lebens, bei unerwarteten 'SchMkn des Schicksals stehen-sie trost- - und hulftös 'Nach ihren VÄigiösen Meinungen -könnte man öm 'Fü-Kichst-n die hiesigen Juden in chrei Klaffen dringdn. Nämlich: Stabile, oder mit dem -gewöhnlicher» Namen Orthodoxe, Indifferente und religiös Gebildete. Me -größte Masse gehört der -Orthodoxie an und zwar, ohne Leben, ohne Bewußtsein, nur im krampfhaften Festhalten an jedem alten Gebrauch-, sei er auch noch so lächerlich und für die jetzige Zeit noch -so obskur. Diese Klaffe ist die schlimmste, mit ihr ist nichts anzufangen; für jede alte hergebrachte Thorheit haben sie ihr: irnn oder für jede noch so unschuldige, noch so zeitgemäße, nothwendige Neuerung ihr: *6 riipinn. Vernunftgründe dringen nicht durch. Sie haben ein Herz, das fühlt aber nicht; die Krisis im Judenthume ist ihnen unbekannt, ihre Religion bestehet nur in einem maschienenmäßigen Ausüben der Zeremonien, und sie verdammen den, welcher nicht so denkt, nicht so thut wie sie. — Die, welche auf höheren Schulen ihre Ausbildung genossen, sowie die, welche dem hohem Kaufmannsstande angehören, können an solchem Kram unmöglich Behagen finden, und eigentliche Religion, welche daS Herz erwärmt und das Gemüth belebt, haben sie nie erkennen gelernt. Daher der leidige Jndifferenlismus, welcher wie ein Krebsschaden von Jahr zu Jahr immer mehr um sich greift, und weil diese Klasse zu den gebildetsten gehört, so meint der Landjude, sobald er sich über alle religiöse Foryien hinwegsetze, oder diese sogar bespotte, sei -er ja auch gebildet. — Diese Klasse, obschon dem Anscheine nach außer dem Judenthume stehend, ist für das Bessere im Judenthume noch eher zu gewinnen, als die Orthodoxen, es kommt nur auf die Art und Weise an, wie sie behandelt werden. — Die dritte Klasse, nämlich religiös Gebildete, ist für den jetzigen Moment die äußerst schwächste, bekömmt aber durch die Heranwachsende Jugend immer mehr Zuwachs, ja sie erhält sogar Rekruten aus der vorigen Klasse, der Indifferenten. Diese haben durch die Bildung Achtung und Liebe für alles Hohe und Erhabene in der Religion erlangt, für alles Schöne sind sie empfänglich und für alles Bessere begeistert. Besonders -mächtig hat hierin -die allgemeine Zeitg. des Judenthums gewirkt. Jedoch giebt es auch noch Gemeinden, und mitunter recht ansehnliche/ wo weder diese, 'noch 'sonst eine -religiöse Zeitschrift gelesenrmrd. Daß hier noch vieler Felsenboden ist, laßt sich hieraus -leicht abnehrnen.—•' (Fortsetzung folgt.)