Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1845)
- Date
- 1845-08-25
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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532 Zeitungsnachrichten. Preußen. Breslau, 15. August. (Privatmitth.) Die siegreichen Schritte der besonnenen Reform in Frankfurt haben die schlummernden und lauernden Parteien der hiesigen Antireformer geweckt, und geräuschvoll und unheilverkündend haben diese sich erhoben, um all' das schöne und segensreiche Wirken der Rabbinerversammlung, da sie es nicht verhindern können, mindestens zu verhöhnen. Es giebt überhaupt eine Partei hier, die wie Heuschrecken sich auf die grünen, blüthenvollen Auen der besseren religiösen Schöpfungen werfen, und alle Blüthen und Früchte derselben mit der gierigen Eßlust einer Hyäne vernichten möchte. Man ist es gewöhnt, daß die Männer kräftiger Gesinnung, Freunde des freien radikalen Forschritts mit Achselzucken auf den Schneckengang einer mäßigen Reform blicken; man kann es ertragen, wenn die alte hausbackene Frömmigkeit, die mitAengstlichkeit an der hergebrachten Vätersitte hängt, und in frommer Einfalt alle veralteten Formen und Gebräuche im Hause wie in der Synagoge treulich übt — man kann es ertragen, wenn diese trotzig und starr alle Neuerungsversuche von sich stößt — aber wenn jenes wilde Heer der sogenannten Orthodoxen, jene traurigen Geschöpfe des ewigen Widerspruchs, die längst dem Judenthum entfremdet, die an der christlichen table d’höte sich's wohlschmecken lassen, wenn diese sich als Vertheidiger des alten, polnischen Judenthums aufwerfen, wenn diese ein Zeter über das Bestreben der neuen Rabbiner erheben, da möchte man wahrhaftig des Himmels Zorn zu Hülfe rufen, daß er uns schütze vor der Gleisnerei dieses trügerischen Geschlechts. Ein solches Ingredienz hat unsere Gemeinde zwar stets, aber daß dieses jetzt so sehr Raum gewinnt und sich breit macht, dazu trägt ein besonderer Umstand bei. Es lebt jetzt nämlich in unseren Mauern ein neugebackenes, eben aus der Schale gekrochenes Doktorchen, das sich soeben in Jena sein Diplom erhandelt, ein Kanditätlein der Theologie aus der guten Schule des Herrn Hirsch im Emden, auf dessen Fähigkeitszeugniß es an der hiesigen Universität eine Zeit lang immatrikulirt gewesen, ein Männchen, das seine Jugend wol in einer polnischen Talmudklause verlebt haben mag, aber aus derselben weder jene innige, hingebende Frömmigkeit, noch eine genügende Talmudgelehrsamkeit, sondern nur jene bacherische Impertinenz, widerliche, schmutzige Manieren mitgebracht hat. Dieser, mit dem theuer bezahlten Doktordiplom gerüstete Kanditat, der durch einen immensen Talißbeutel, den er eifrig zur Schau trägt, ein fettes Rabbinerämtchen zu erhaschen gedenkt, glaubt indeß seine faule Sauregurkenzeit nicht vortheilhafter verwenden zu können, als wenn er mit den steten Ruhestörern in unsrer Gemeinde gemeine Sache macht und ihnen zu ihren üblen Zwecken rüstig an die Hand geht. So hat er, kaum war der Ruf von weiland dem glorreichen Ausscheiden des Herrn Frankel aus der Rabbinerversammlung hierher gedrungen, seine Patrone zu einer Dankaddresse an denselben zu bewegen gesucht, und es ist diese Tage eine solche, man sagt mit Unterschriften versehen, nach Dresden abgegangen. Hierauf wurde das großartige Werk in hiesigen Blättern ausposaunt, dem abwesenden Geiger wurden einige bittere Hiebe versetzt und die Rabbinerversammlung wurde über den Haufen geworfen. Darauf verschmähte man nicht zu intriguiren, zu verläumden — und so ist denn wieder eine Gährung und Aufregung in unserer Ge-, meinde, als ob alle langverhaltene Elemente plötzlich wieder losgebrochen waren. Es ist hier nicht der Ort über das hierarchische Benehmen Frankens zu urtheilen; der gesunde Sinn des größten Lheils unsrer Gemeinde hat ihm längst das Urtheil gesprochen; aber wer da weiß, mit welcher List und Jntrigue die größere Zahl der Unterschriften zu jener Addresse verschafft worden ist, muß Herrn Frankel, Falls er wirklich ein ehrenhafter Mann mit ehrlicher Gesinnung sein sollte, bedauern, daß sein redliches Streben mit solcher Münze belohnt wird. Es charakterisirt übrigens nicht wenig jene Absender der Addresse, wenn man sich erzählt, daß, da man für den Abfasser derselben, den oben bezeichneten Kand. Gratz, die Summe von 5 Thlr. zusammenbringen wollte, es ein vergebliches Bemühen war, da die Herren wol Unterschriften aber kein Geld geben mochten. Es ist übrigens eine traurige, höchst schmerzende Aussicht für die Zukunft, wenn man bedenkt, daß solche Leute, wie unser Kanditat, einst beamtet werden, und die Leitung einer Gemeinde überkommen