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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-08-18 · Heft 34 (18.8.1845) · p. Seite 517

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 34 (18.8.1845)
Date
1845-08-18
Page
Seite 517 (sequence 5)
Language
German
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517 Zerstörung Umschlägen könne? Und namentlich unsre Zeit ist hierin gefährlich. Denn wem kann es entgangen sein, daß Ln allen Ständen und Religionen die Zahl derer sehr groß ist, welche die Vernichtung aller positiven Religionen als das Morgenroth wahrer Menschenfreiheit und Selbstständigkeit ansehen, obschon sie freilich die Quellen der Tugend und Gottesfurcht, die Quellen des Trostes und Muthes nicht anzugeben wissen, aus denen die Menschheit alsdann schöpfen soll? Dieses Streben einerseits und die Furcht davor andrerseits haben eine Reform lange genug unmöglich gemacht, sie mußten aber auch im vorigen Jahre stark genug hervortreten, um diejenigen, die sich dem Werke der Reform unterstehen wol-. len, kräftig zu durchdringen und zu bestimmen. Von diesen Anschauungen aus mußten alle diejenigen, welche den Entwickelungen der Geschichte und Gegenwart sorgfältig nachgingen, einen bestimmten Standpunkt erreichen. Sie mußten von der einen Seite die Nothwendigkeit der Reform im Zudenthume anerkennen, sie mußten von der andern Seite die Nothwendigkeit gewissenhaftester Prüfung, um nichts 8ebensbefähigte§, nichts, was eine Wurzel des Iudenthums ist, zu treffen, erkennen. Hier ist es, wo uns in den Jahrtausenden der Religion Jsrael's eine große, erhabene Eigenthümlichkeit entgegentritt, die das Judeuthum auszeichnet und eine der Bürgschaften seines Bestandes ist. Die Geschichte unsrer Religion zeigt uns, daß innerhalb ihrer niemals eine Persönlichkeit, ein einzelner Mensch die Phasen ihrer Entwickelungen zur Wirklichkeit gebracht hat: sondern diese stets von der Eesammtheit, von Gesammtkörpern ausgingen. Wir haben niemals einen Gregor, einen Luther, einen Zwingli ff. gehabt. Aber Aelteste, Synedrien, Synoden, Schulen, Literatur waren die Hebel unsrer Evolutionen. Die großen Männer, die wir als eingreifend in den Gang unsrer Geschichte zu nennen haben, sind immer nur Glieder einer großen, langen Reihe. Esra, Hillel, Maimonides, Mendelssohn treten nur an die Spitze ihrer Zeitgenossen, haben aber nimmer das Werk der Reform selbstschöpferisch in die Hände genommen und vollendet hingestellt. Nein, das Judenthum hat niemals dem Einzelnen das Heft in die Hand gegeden und aus ihr seine Gestaltung entgegengenommen: der Einzelne in ihm war stets selbst erst Geschöpf des Juden- IhumS. Darum erblicken wir aber auch in ihm keine plötzlichen Reformen, keine mit einem Male aus dem Boden gesprungenen Revolutionen; sondern allmälig bildet sich das Bedürfniß heraus, daß seine Befriedigung wie von selbst den Arbeitern in die Hände gegeben wird. — Diese Erscheinung hat sich im Judenthume so oft bewährt, daß wir sie nicht erst zu erweisen brauchen. Die Größe derselben springt von selbst in die Augen, ihre Wichtigkeit für den Bestand des Iudenthums thut sich von selbst dar. Von diesen Ansichten aus muß die zweite Rabbinerversammlung beurtheilt werden. Sie ist von der ersten weit entfernt; ihr Wesen, ihr Charakter, ihre Tendenz waren ganz andere. Sie war in ganz andere Verhältnisse hineingestellt, sie hat sich als eine ganz andere bewährt. Das Schwanken und Fehlgreifen war verschwunden: man wußte, was man wollte. Und was wollte, man? Die zweite Rabbinerversammlunghatsich entschieden auf den Standpunkt der Reform im Judenthume gestellt. Es war ihr klares, volles Bewußtsein, daß die Reform nicht mehr Sache der Partei ist, sondern daß sie Sache des ganzen Iudenthums geworden; daß das Judenthum nicht blos bedürftig ist der Reform, sondern sie gar nicht mehr entbehren kann. Aber die zweite Rabbinerversammlung hat sich ebenso entschieden auf den Standpunkt treuer Erhaltung dessen, was in den Formen des Iudenthums noch Lebenskraft hat, gestellt; dies war die Frage, die sie sich bei jedem einzelnen Gegenstände vorlegte, die sie vor Allem reiflich prüfte. Man wird zugeben, daß dies eine schwierige Aufgabe ist: warum sollte sie aber dem Ernste und der Treue zu lösen unmöglich sein? Die zweite Rabbinerversammlung hat das Werk der Reform in die Hand genommen, sie hat dies als ihre Aufgabe erkannt, aber sie wollte diese lösen, auf positiv-historischem Boden verharrend. Wie leicht konnte sie fertig sein mit allen den Fragen, die sie behandelt hat. Vom radikalen Standpunkt aus wären sie alle in einer Stunde beantwortet gewesen. Aber dieser war nicht' der ihrige: sie wollte erhalten, sie reformirte um zu erhalten. Diese Ueberzeugung, daß auch dem Historischen, gegenüber dem Zettbewußtsein, sein Recht gebührt, und daß überhaupt in der Menschheit nichts Wurzel zu schlagen vermag, was sich nicht auf dem Historischen aufbaut, leitete Alle. Und mögen es Einige in der Versammlung aus ihrer Theorie heraus „Akkomodation" genannt haben, mögen einige Einzelne aus Furcht vor ihren orthodoxen Gemeinden sich zurück» gehalten haben: dies bleibt sich in der Sache gleich, den»

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