Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1845)
- Date
- 1845-08-18
- Page
- Seite 516 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225424--07129-3236999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
516 Der Sitzungen waren zwölf, von denen sechs nur Vormittags von 9—1 Uhr, sechs Vormittags und Nachmittags (2—4^2 Uhr) stattfanden, (wogegen die erste Versammlung nur sieben Sitzungen gehalten, vier Vormittags und Nachmittags, drei nur Vormittags.) Das Komi'tv, die Gemeinde, Gesellschaften und Private wetteiferten, den Theilnehmeru der Versammlung den Aufenthalt vergnüglich zu machen. Die Meisten waren sehr gut bei Privaten einlogirt; Mehrere auf Kosten der Gemeinde in öffentlichen Lokalen. Die Speisung fand gemeinschaftlich auf Kosten der Gemeinde bei dem jüdischen Restaurateur Hecht auf die befriedigendste Weise statt. Die Reisekosten wurden aus der Zentralkaffe für die Rabbinerversammlungen erstattet, die noch einen ansehnlichen Fonds behielt. Die Gemeinde gab der Versammlung ein glänzendes Souper, desgleichen die Loge „zum Adler", sowie die Gesellschaft „zum Frohsinn" eine musikalische Soiree. Die Theaterdirektion ließ „Nathan den Weisen" aufführen, lud die Theilnehmer dazu ein und überreichte ihnen Freibillets zu den Logen. Der Senatskommissarius, Herr vr. Souche, führte die Versammlung in das Senkenbergische Institut und das Städel'sche Museum; der Herr v. Bethwann öffnete ihnen sein Museum von plastischen Kunstwerken. Außerdem fanden noch Privatrvunions ff. statt. Sicherlich war die Wahl des Präses in der Person des Rabbinen Stein eine sehr glückliche. Auf die humanste, mildeste und doch bestimmteste Weise leitete er die Debatten, insbesondere in den letzten Tagen, nachdem er die zu diesem schweren Berufe nöthige Fertigkeit sich im Laufe der Sitzungen immer mehr erworben hatte. Keine Spur von Heftigkeit, selbst wenn er sich angegriffen sah, nicht jene Wuth zu antworten, als ob die Redner nur zum Präses sprächen. Unter seiner Leitung wurde der Grundsatz aufgestellt und festgehalten, daß jeder Redner nur einmal, aber vollständig, bei jeder Frage zu sprechen habe, um jede Disputation, der kein Ende abzusehen gewesen wäre, zu vermeiden. Auf diese Weise war denn auch die Haltung der ganzen Versammlung die wünschenswerteste. Nirgends eine Persönlichkeit, nirgends Bitterkeit, nirgends Leidenschaftlichkeit: sondern Gemessenheit, ruhiger Austausch und Freundlichkeit. Wollte hier und da einmal, besonders im Anfänge, wieder ein frivoler Sinn (nach Verhältniß des Gegenstandes frivol!) auftauchen, so wies ihn die Versammlung schleunigst zurück. Charakter und Tendenz. Das Jahr, welches zwischen den beiden Rabbinerversammlungen lag, war ein bedeutungsvolles. Die großen Bewegungen, welche sich fast seit einem Jahrhundert im Judenthume allmälig vorbereitet und verwirklicht hatten, waren jetzt mit großer Kraft hervorgetreten. Was sHeu und blöde hier und da sich hindurchgedrängt, was in diesem und jenem Versuche an das Licht der Welt gekommen, aber als der Ausdruck und das Produkt des EinzelwillenS nur schwach und ohne tiefere Wurzel da stand: das hat sich als die Lebensbedingung des Judenthums proklamirt, als die conditio sine qua non für seine Fortexistenz. Das Judenthum in seiner ganzen bisherigen Gestalt kann die kommenden Geschlechter nicht befriedigen, wie eine Religion ihre Jünger halten und beseligen muß. Hie Juden heit hat sich der Kultur, welche die Menschheit in Jahrtausenden errungen hat, hingegeben und sie sich angeeignet; aber das Judenthum hat seinen ewigen und göttlichen Inhalt in Formen erhalten, deren Mehrzahl ihm historisch gegeben worden, und nun historisch verlebt ist. Diese Gestalt muß umgestaltet, diese Form umgeformt werden, damit das Judenthum fort und fort seiner Bestimmung und Kraft gemäß auf seine Jünger zu wirken, und in der Menschheit seiner welthistorischen Würde gemäß zu bestehen und zu zählen vermöge. Wie gesagt: alles dies war längst vorbereitet, längst gefühlt, gedacht, selbst ausgesprochen — aber es stand noch da einzeln, isolirt, als Bedürfniß von Individuen. Hier es heraus zu schaffen, und als ein Allgemeines zur Anerkennung, und als ein Allgemeines zu seiner Berechtigung zu bringen: das war insonders das Werk des verflossenen Jahres. Die Reform hat in demselben als von allgemeinem Verlangen, als unumgänglich sich dargethan, und — die Gesammtstellung ist dadurch eine sehr verschiedene geworden. ES ist uns hier nicht darum zu thun, die Leidenschaft auch unsrerseits zu wecken, und Gehässigkeiten zu erneuern. Genug: wer es redlich mit dem Judenthume meint, und wer sich nicht eigensinnig in den Wahn fest gerannt hat, daß das Judenthum im ganzen Umfange seiner bisherigen Formen allein das Judenthum sei, dem ist die Frage entschieden: „daß es nicht so bleiben könne", wie das Volk sagt, daß eine Reform nothwendig sei. Aber wer weiß es nicht, wem lehrt es die Geschichte, wem selbst die Geschichte des Tages nicht, daß eine Reform sehr leicht in völlige Destruktion, in Auflösung und