Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-07-28 · Heft 31 (28.7.1845) · p. Seite 481

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 31 (28.7.1845)
Date
1845-07-28
Page
Seite 481 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225389-3225421--07091-3236958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

481 nützlich, doch hier (sowie im ganzen Orient) wahrhaft unentbehrlich sind, hier, wo ein Zusammenfluß von so vielen Nationen und Völkerschaften vorhanden ist, daß man oft in den kleinsten gesellschaftlichen Kreisen sechs bis sieben Sprachen (als da sind: die wallachische, griechische, türkische, französische, deutsche, ungarische und serbische) zu hören bekommt, hier, sage ich, Sprachkenntnisse zu entbehren und dafür überall als Stummer zu siguciren oder allenfalls (wie ein Paar der Reicheren und zugleich Bornirteren unter ihnen zu wähnen scheinen) sich auf seine beredeten Geldsäckel zu berufen — ist doch wahrlich traurig genug! — Es ist wahr, einige Jünglinge der vornehmeren Hauser besuchen die, allerdings wohlgeordneten wallachischen Nationalschulen, aber wo bleibt der Religionsunterricht? — Oder ist der wirklich ein so überflüssiges Möbel, besonders ^jetzt, in unseren Zeiten und bei dem gegenwärtigen Stand des Judenthums? Und die Mädchen? — Wir haben oben gesehen, daß die meisten Spaniolinnen nicht einmal zu beten verstehen; nun wird man sich wol schon denken, wie es mit ihrer anderweitigen Bildung aussehen muß. Ueberdieß ist dabei noch Folgendes zn berücksichtigen. So lange nämlich die Spaniolen — hier wie im ganzen Orient — die Sprache ihrer nachbarlichen und zahlreichsten europäischen Brüder, ich meine: das Deutsche nicht studiren werden, so lange werden ihre Gemeinden, wie jetzt in sich abgeschlossen, stagnirend und jedem bessern Fortschritt unzugänglich bleiben, denn nur die Kenntniß der deutschen Sprache wird ihnen die Bekanntschaft mit den Bestrebungen des Kultus und der wahren geistigen Selbsiemanzipation, wie sie sich unter den deutschen Juden gegenwärtig auf eine so eklatante Weise kund geben, verschaffen können. Nur die deutsche Sprache würde sie ihren zahlreichen Brüdern in Polen und Ungarn, sowie den sie hier umgebenden polnisch-deutschen Brüdern, die ja auch eine, wenn auch korrupte deutsche Mundart sprechen, naher bringen und jenen lächerlichen Stolz und unerklärlichen Abscheu gegen alle „Le des kos" (deutschen Juden) aus ihren sonst so edlen und braven Gemächern verbannen. Sie werden dann ihre deutschen Brüder erst kennen und sie als gemeinsame Kinder im Hause Israels lieben lernen. — Dies Alles kann ihre Kenntniß der deutschen Sprache bewirken; nun wird aber in den wallachischen Nationalschulen die deutsche Sprache nicht dozirt! Schon deßwegen allein müßte daher das Bedürfniß einer öffentlichen israelitischen Unterrichtsschule hier, wo auch daS Deutsche nach Gebühr gewürdigt werden solltejedem Befferdenkenden einleuchtend genug sein. — Wirklich wurde auch vor Kurzem hier von einem patriotischen, jungen Arzte israelitischer Religion, dem vr. Barasch, ein Plan zu einer israelitischen Elementar- und Realschule dieser Gemeinde vorgelegt und, zu ihrem Lobe sei es gesagt, ihre meisten Mitglieder erklärten sich dafür; ja dieser Plan wäre vielleicht schon recsiisirt worden, wenn nicht viele volle Geldsäckel beherrscht von einigen leeren Köpfen, dem ein Hinderniß entgegengesetzt hatten. Indessen läßt sich wol erwarten, daß eine so würdige Gemeinde, unter dem Schutze einer so liberalen, den wahren Fortschritt aufrichtig befördernden, humanen Regierung wie die gegenwärtige, dieses Joch einer verderblichen Oligarchie, die sie selbst in der Organksirung ihrer nothwendkgsten, seit lange in Verwirrung gerathenen Gemeindeangelegenheiten hindert, früh genug von sich abschütteln werde. — So .viel von der spanischen Gemeinde in Bukarest. — Außer Bukarest giebt es in der Wallachei noch einige andere spanische Gemeinden, als da sind: Jbcaila, Fokochany, Krajowa und Giurgewa. Ihre Sitten, Lebensarten und religiösen Gebräuche sind, einige lokale Modifikationen abgerechnet, die der oben beschriebenen bukarester Gemeinde, die überhaupt ein Bild der Lebensweise der jüdischen Bevölkerung im ganzen Orient zu verschaffen im Stande ist. — Was schließlich die wallachische Regierung hinsichtlich der Juden, überhaupt betrifft, so läßt sich von ihr nur Erfreuliches berichten"). Dem Juden ist hier im Gebiete des Handels und der Gewerbe Alles offen. Der Ausländer genießt hierin gleiche Rechte mit dem Inländer. Häuser und liegende Gründe hingegen sind nur dem Einheimischen — Juden wie Christen — auf seinen Namen zu besitzen gestattet, und es besitzen daher einige einheimische polnische und viele spanische Juden (letztere in einer eignen Straße, wo fast sämmtliche spanische Familien freiwillig wohnen) bedeutende Häuser, ja einige spanische Häuser sind ihres großartigen Baustyls wegen, berühmt. — Das wallachische organische *) Hat doch diese Regierung erst vor Kurzem in ihrem gewiß „christlichem Staate" zwei jüdische Aerzte in den Staatsdienst ausgenommen, nämlich den vr. Barasch als Quarantänearzt und den Dr. Drey als Distriktsarzt! Korresp.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.