Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 31 (28.7.1845)
- Date
- 1845-07-28
- Page
- Seite 480 (sequence 12)
- Language
- German
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480 heit der Christen behandeln, als sie weder ihre Advokaten noch Feldmesser oder Maurermeister sein dürfen. — Daß die Aerzte jüdischen Glaubens heute auffallend viele sind, daß sie unverhältnißmäßig noch mehr werden und nicht den christlichen Kollegen, sondern sich selber hinderlich im Wege sein werden, ist wahr und gewiß, aber nicht nur sür Karlsbad, sondern sür den ganzen österreichischen Staat, wo Juden wohnen dürfen. Was sollen denn auch die jüdischen Jünglinge machen, die von Gott zu einer geistigen Ausbildung befähigt, keine Lust zum Handel oder Trödel haben, und keinen Platz im ganzen großen Staate finden, wo sie einen wissenschaftlichen Beruf erhalten dürften? Was bleibt ihnen als die ärztliche Praxis? Korrespondenz. Wanderung durch Krakau, Galizien, Bukowina, Moldau und Wallachei. (Schluß.) Zuletzt noch über den allgemeinen Charakter der Spaniolen und ihre Bildungsstufe. — Ihr Charakter zeigt im Allgemeinen mehr Lichtals Schattenseiten. Sie sind ruhig, nicht zanksüchtig, ehrbar, reinlich, im Handel musterhaft ehrlich, gegen Eltern patriarchalisch gehorsam, gegen ihre Kinder liebreich, ihre Frauen hochachtend (wären die Eheverbindungen auch hier mehr Herzenssache als Konvenienzartikel, so würde man gewiß unter ihnen auch mehr eheliche Liebe finden), ihr Familienleben überhaupt ein Bild der Eintracht und Liebe. Die Behörden hören von ihnen wenig (im Gegensatz zu den dortigen polnisch-deutschen Juden, die den Aemtern vollauf zu thun machen).' Ihre Schattenseiten, ist eine gewisse Härte, wenig Gemüthlichkeit und überhaupt jene verwerfliche Abneigung, ja Haß gegen ihre polnischen, jüdischen Brüder, sowie, bei wenigen der Gebildeten unter ihnen ausgenommen, der Mangel an Zutrauen gegen jeden nicht spaniolischen Juden überhaupt. (Eheliche Verbindungen zwischen beiden Gemeinden sind eine Seltenheit.) Die Schattenseite ihrer Gemeinde zustande bildet ihre vernachlässigte Kindererziehung und die daraus resultirende intellektuelle Beschränktheit und die Trostlosigkeit in vielen Gemeindeangelegenheitem Denn ihre Pädagogik ist höchst traurig. Einige unwissende, aus Smyrna, Adrianopel oder chergl. einhergelaufene miserable Subjekte übernehmen hier die Erziehung der Kinder, gründen Privatschulen (Chadärim)! und bewahren hiev ihre große Fertigkeit in jener, im Orient so häufigen magischen Kunst, nämlich, menschliche Kinder allmälig in erwachsene Ochsen zu metamorphosiren. Diese spanischen Melamdim stehen auf einer noch bei weitem tiefem Stufe als ihre Namensverwandten in Polen. Denn jene sind — selbst im Gebiete des Hebräisch-Talmudischen — noch unwissender als diese. Hat ein Knabe hier bis zu seinem 12—13 Jahre es so weit gebracht, daß ec gehörig die Gebete und Psalmen in seiner Synagogalmelodie rezitiren (um Erklärung derselben bekümmern sich die spanischen Melamdim nicht) und die fünf Bücher Mosis ganz oder zum Theil verstehet, und allenfalls auch noch das Tesilim-Zeremonial gehörig mitmachen kann, so hat er seinen Studienkreis vollendet und tritt in das Geschäft seines Vaters ein. Selten gelangt der Jüngling hier zu den höheren Propheten (ü'O’nns 2^22) und Hagiographen (tniairo), noch seltener zum Talmud und zu den „Poskim." Daher findet man hier auch sehr wenige junge Leute aus der spanischen Gemeinde, die in der ganzen Bibel und in der talmudischen Literatur einigermaßen bewandert sind, was in Polen bekanntlich eine häufige Erscheinung ist. Die moderne hebräische Literatur, die ja eigentlich erst die Liebe zu dieser klassischen Sprache und den Glauben an ihre einstige Regeneration einzuflößen im Stande ist, wodurch allein so manches zartfühlende Jünglings- Herz unter den Tausenden Israels in Deutschland und Polen von einer höhern Weihe durchströmt wird und dem erhabenen Gedankenfluge eines göttlichen Jesaias in hoher Begeisterung folgt, und dessen Busen zu den harmonischen Klängen der unverhallenden Davidshacfe schlagt — diese Literatur, sage ich, ist hier leider! noch völlig unbekannt. — Und wie erbärmlich ist nicht dort der einzige Bibeluntercicht selbst! Welcher unnatürlichen, wahrhaft entstellenden Exegese müssen da nicht die klaren Worte Gottes zur Zielscheibe ihres Aberwitzes dienen! — Von den weltlichen Elementarkenntniffen, die doch kein, einigermaßen in der Gesellschaft erträglicher Mensch jetzt mehr entbehren kann, und deren Mangel sich ja stündlich in Konversation und Geschäftsverkehr, auf eine drückende Weife fühlbar macht, keine Spur, ja selbst Sprachkenntniffe die obschon überall schön und