Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 31 (28.7.1845)
- Date
- 1845-07-28
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225421--07083-3236950- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
473 unserm Gottesdienste nicht verlieren dürfen. Wenn in unserm jetzigen Gottesdienste diese Wirkung weniger erzielt wird, so liegt dies Ln der alleinigen Anwendung der hebräischen Sprache und in der geschmacklosen Vortragsweise. — Die Belehrung besteht in der Predigt und dem Vortrage der Tora. Die erstere deutsch, die letztere Ln der Ursprache, da keine Uebersetzung das Original ersetzen kann, eine Uebersetzung die Bedeutung feststellt, die im Original sehr verschieden sein kann, und zu Verfälschungen und den gröbsten Jrrthümern veranlassen kann, wie wir es bei den alexandrischen Juden (Philo, Ezekiel der Tragiker, Philo der Epiker) sehen. — Als Mittelpunkt der Konfession muß der öffentliche Gottesdienst ein Einheitliches und ein Unterscheidendes haben. Die Einheit besteht inhaltlich Ln dem Bekenntniß des einigen, geoffeubarten Judenthums, formal in der hebräischen Sprache. Wir Juden sind Deutsche, fußen und wurzeln in Deutschland, aber das Judenthum kann kein deutsches sein, das ist universell für die Israeliten aller Zonen. Wir beklagen nicht mehr die Zerstreuung Israels, denn wir erkennen in ihr eine neue, welthistorische Aufgabe Israels, Träger und Zeugen der geoffenbarten Lehre unter allen Völkern zu sein. Aber um so mehr bedarf es der Einheit. Eine Minorität bedarf ferner, einer unermeßlichen Majorität gegenüber, auch der unterscheidenden Momente um sich zu erhalten, nicht im bürgerlichen, sozialen Leben, wol aber im kirchlichen, und da ist die hebräische Sprache ein bedeutendes Moment. — Man hat diese Sprache arm und tobt genannt. Beides muß znrückgewiesen werden. Die begabten Völker haben in der Geschichte durch Konzentration des Genius Werke hervorgebracht, welche die nachfolgenden Geschlechter niemals zu übertreffen vermochten. Das israel. Volk that dies auf dem höchsten, dem religiösen Gebiete, und die hebräische Sprache 'war das Medium hierzu. Todt ist sie als Sprache eines Volkes, aber sie wird durch den Hauch der Religion wieder lebendig in unserer Brüste Die hebräische Sprache ist demnächst nothwendig, objektiv nothwendig im öffentlichen Gottesdienste, und muß da mit der deutschen Sprache organisch vereinigt werden. Dieser Vortrag machte allgemein einen tiefen Eindruck aus die Versammlung. Es folgten jedoch Redner, welche sich abermals gegen die objektive Nothwendigkeit ausspracheu. Kahn und Süßkind, welcher letztere das Gebet nicht zum Vehikel zur Erhaltung einer Sprache herabgesetzt haben will. Treuen fels erinnert, daß man allerdings in einer fremden Sprache sich auch sehr erheben kann, wie wir es beim Lesen eines fremden Klassikers thun. A. Adler will durch die Entfernung der hebräischen Sprache alle Werkheiligkeit entfernen, und meint, daß durch die deutsche Bibel mehr Kenntuiß der letztern verbreitet wird; er giebt die hebräische Sprache für arm aus, weil sie z. B. eine arme Konjugation hat. Reis schließt sich Frankel und Philippson an, trotz aller Dialektik, die dagegen geltend gemacht worden. Ebenfalls Auerbach, weil die heilige Sprache der Geschichte Israels angehört, diese aber zu uns selbst. Zuletzt spricht der Präses Stein ebenfalls für die objektive Nothwendigkcit, da die hebräische Sprache ein Baud des Judenthums ist, das Verftändniß der heiligen Schrift erschließt, und eine tiefe Innigkeit besitzt. Es erfolgt die Abstimmung: 13 Stimmen erklären sich;für die objektive Nothwendigkeit, 15 Stimmen gegen dieselbe, drei enthalten sich der Abstimmung, weil ihnen das Wort „objektiv" widerspricht. (Man kann also eigentlich Parität der Stimmen annehmen. Wir bemerken hier, daß wir für jetzt nur berichten, die Kritik folgt später nach.) Es wurde nun zur folgenden Frage geschritten: ist die theilweise Beibehaltung der hebräischen Sprache im öffentlichen Gottesdienste rathsam? Hierüber fand motivirte Abstimmung statt. Alle diejenigen, welche für die Nothwendigkeit gestimmt hatten, enthielten sich des Abstimmens, da diese die Rathsamkeit von selbst involwirt. Jolowicz erklärt sie rathsam für die bestehenden Gemeinden, für neu sich bildende nicht. Einhorn, Kahn wegen der Gewöhnung; Wagner, Wechsler, Holdheim wegen Akkomodation an die Gemeinden, A. Adler, wo die Majorität der Gemeinde dafür ist; Auerbach, S. Adler, Herxheimer, Heß, Güldenstein, Maier, Salomon, Herzfeld, Formstecher, Gosen, einfach ja. Die Sitzung wurde aufgehoben. Auf den Abend war die Versammlung von der Gesellschaft „zum Frohsinn" eingeladen, wo ihr sehr schöne musikalische Genüsse durch jüdische Talente bereitet wurden. Vierte Sitzung, am 18. Juli. Frankel wohnte dieser Sitzung nicht bei. Es wurden zuerst Addressen von den Gemeinden zu Obermoschel und Schwetzingen und eine Zuschrift des 90jährigen Landrabbinen Friedländer zu Brilon verlesen, der