Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1845)
- Date
- 1845-07-21
- Page
- Seite 464 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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464 mag aber wegen feiner Untersuchung und Vernehmung nichts Näheres anzugeben, weshalb wir dermalen Mehreres nicht eröffnen können. — Rußland und Polen. Bon der russischen Grenze, 1. Juli. (PnvatmitM Bei dem tief angelegten Plane, den Rußland in Betreff der Juden Hat, sie zum Chriflenthume, d. h. zur ruffisch-griechischen Kirche zu bringen, sei es durch die Gewalt der Noth, sei es durch, vom Judenthume abführende Mittel, sei es, wie man meint, durch Bildung, welchen letztern Weg als ungenügend man ziemlich wieder verlassen hat: ist nichts erdacht worden, welches tiefer in's Leben des polnischen und russischen Juden eingreift, als — der Wechsel der Kleider. Das Kleid ist dem polnischen Juden die Religion. Wer „christliche Eracht" anthut, ist für einen Christen erachtet. Wer den Rubikon der Peies und des Schubbetzk überschritten hat, der. hat alsbald allem Zeremonialgesetz den Rücken zugewandt, und dieses allein ist dem hiesigen Juden Religion. Das Elend, in welchem die Juden schmachten, ist unbeschreiblich, und für den Menschenfreund tief einschneidend. Das Elend der Armuth verbindet sich mit dem Elende der Unkultur und dem Elende der Verhältniffe, um ein Musterbild hervorzubringen, in welchem nur noch zwei Zeugen das Vorhandensein der göttlichen Flamme beurkunden: die Religion und der Alles überwindende Scharfsinn! Gieb dem polnischen Juden — einen Thaler in die Hand, und er ernährt sich, wie ein Mann von 20 Thlr. schon ein Kapitalist ist. Er ernährt sich; aber wie? Ich kenne Greifedie in ihrem ganzen Leben — keinen Bissen Fleisches genossen. Und dennoch, kaum werden es meine Leser glauben: so unverwüstlich ist die Natur des polnischen Juden, daß Scherz, Spott, Heiterkeit immer noch in ihm ist, und eine Scholle Ruhe ihm eine Scholle Glück giebt. Denn bei dem Mangel alles Gefühls, alles Bewußtseins für das, was ihm fehlt, bei der Gewöhnung an ein solches Dasein, bei der völligen Unkenntniß alles Bessern, ja bei dem Gedanken, so müsse es eigentlich dem Juden gehen, dafür sei er bn Galuth, weiß er der Verzweiflung selbst Raum für Heiterkeit abzugewinnen. Die Sagazität des polnischen Juden ist unermeßbar. Die Anlage, die Noth und der Talmud wirken auf dieselbe so entwickelnd, daß sie zur geistigen Riefenpflanze wird, Mauern durchbohrend und Abgründe füllend. Großbritannien. London, 8. Juli. Gestern hielt der Premierminister, Sir Robert Peel einen Vortrag über die noch rückständigen Bills im Unterhause, und zählte unter denen, die noch in diesem Jahre zur Erörterung kommen sollen, auch, wie er sich ausdrückte, „die, von ihm selbst emgebrachte, und nur ungern wegen der Diskussion über die Maynoothbill und die irische Kollegienbill so lange zurückgesetzte Bill zur Aufhebung gewisser Beschränkungen, unter denen die Bekenner des mosaischen Glaubens dermalen noch leiden," auf; er versprach die erste günstige Gelegenheit zu ergreifen, um auf die zweite Lesung dieser Bill anzutragen. (Wir erinnern unsre Leser daran, daß diese Bill, welche die unbedingte Befähigung der Israeliten zu Gemeindeämtern ausspricht, durch das Oberhaus mit großer Majorität bereits durchgegangen, und im Unterhause zum ersten Male mit Einstimmigkeit — außer der einzigen Stimme des Sir Jnglis — verlesen worden ist.) Frankreich. Straßburg, 29. Juni. (Privatmitth.) Der Courr. du Bas-Rhin theilt über die hiesige Konsistorialwahl Folgendes mit. Wir haben das Ergebniß der von den notablen Israeliten des Niederrheins zur Bildung des Konsistoriums gemachten Wahlen gemeldet. Der Herr Großrabbiner hat bei dieser Gelegenheit eine Rede gehalten, welche wir anführen zu müssen glauben, sowol weil sie die in der letzteren Zeit vollbrachten Fortschritte darthut, als auch weil sie gute und weise Gedanken enthält. Folgendermaßen hat sich der Herr Großrabbiner ausgedrückt: „Meine Herren Notablen, „Für das erste Mal zur Ausübung der hohen „Funktionen berufen, welche Ihnen durch die königliche Ordonnanz vom 25. Mai 1844 übertragen „sindhaben Sie unserer Einladung Folge geleistet, „und Sie bringen mit lobenswerther Bereitwilligkeit