Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1845)
- Date
- 1845-07-21
- Page
- Seite 460 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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460 „Hochgeehrter Herr! Beehrt von Dero geschätzter Zuschrift vom 7ten c., kann ich die mir damit notisizirte Erwählung zu einem Ausschußmitgliede des löbl. Vereins, abgesehen von dem körperlichen, rheumatischen Leiden, von welchem ich seit einiger Zeit öfters heimgesucht worden, auch schon aus nachfolgenden Gründen, zu meiner tiefsten Betrübniß, nicht annehmen. Die Vorsehung hat mich als Israeliten geboren werden lassen; diesem Umstande habe ich es zu verdanken, daß mir beinahe alle Rechte versagt sind, welche selbst der'niedrigste Verbrecher, sobald er seine Strafe überstanden hat, in unserm Vaterlande besitzt. Ich habe mich immer bestrebt, dieses schreckliche Bewußtsein aus meiner Seele zu bannen, und als getreuer Unterthan meines Königs, und mit innigster Liebe an meinem theuern Geburtslande hängend, war ich stets bedacht, so wie es in meinen schwachen Kräften stand, und soweit mein Wirkungskreis reichte, demselben Ehre zu machen, und zu seinem Gedeihen beizutragen, in allem Andern aber — zu hoffen. Die Verhandlungen des abgelaufenen Jahres jedoch, in welchem im Schooße der Legislatur das Schicksal von 240,000 Ungarn, welche eben so wie ich durch die Vorsehung als Israeliten geboren sind, berathen ward, und wobei stets das Bild der verworfensten und niedrigsten Juden, als Maßstab der Beurtheilung vorschwebte, die Existenz von rechtlichen, makellosen,' dem Lande innigst ergebenen Israeliten dagegen, welche, so wie ich, zu Lausenden in unserm Lande vorhanden sind, ganz ignorirt wurde, haben mein Herz zerfleischt. Man hat uns verspottet und verhöhnt, und von der Rednerbühne herab selbst dann in den Staub getreten, wenn auch gar nicht vom Kapitel über Israeliten die Rede war, sondern es bloß galt, einen Witz zu machen (s. Graf Setlinitz' israelitischen Traum über das Gefängnißwesen, 125ste Sitzung). Dieses Verfahren hat mir allen Muth geraubt, und ich erblicke die größte Anomalie darin, einerseits zu den Verworfensten gezählt werden^ und andrerseits zu der hohen Ehre berufen zu sein, mit Männern, welche der gerechte Stolz unsres Landes sind, vereint über dessen Wohl berathen zu 'sollen. Man traut mix ein solches Hochgefühl zu, und -leugnet mir andrerseits die natürliche Empfindung ab , welche jeden Menschen an das Land'seiner Geburt kettet. Wol weiß ich es, und -erkenn« -es dankbar, hochverehrter Herr, daß Ihre hochherzige persönliche Ansicht, so wie die unsres., so wie die Men löblichen Komitate, und deren edler Vertreter am RMWge, ganz anders über die israelitische Frage jst iund war, und Sie.Alle, vom Geiste der wahren Menschenliebe beseelt und erleuchtet sind. Aber ich kann dennoch mein inneres Gefühl nicht beherrschen, welches mir laut zuruft: das Vaterland verwirft dich, eine öffentliche Ehrenstelle darfst du nicht annehmen, wenn du nicht als Zwitter dastehen willst; aber du mußt in deinem stillen Kreise fortfahren, für sein Wohl zu wirken," und das will — und werde ich. Und, hochgeehrter Herr! stets wird der ungarische Sprachlaut und meines Landes Wohl in meines Herzens Tiefe Wiederhall finden; und mein Heiligthum und meine Religion bleibt, so lange ich athmen werde, ein treuer Unterthan meines Königs, ein würdiger Sohn meines Landes, welches mich verstößt, und ein rechtlicher Mensch zu sein. Genehmigen. Sie ff. Das Schreiben, welches viel Aufsehn machte und gerecht gewürdigt ward, hatte die Folge, daß man dennoch auf Annahme der Wahl bestand, und da Herr Kunewalder somit seine Pflicht in dieser offenen Erklärung gethan, willigte er auch darein. Deutschland. Frankfurt am Main, 13. Juli. (Privatmitth.) Indem die „Dorfzeitung" fortwährend mit blutdürstigem Fanatismus die Thalmeffinger Lüge ausbeutet, indem überhaupt diese Angelegenheit zeigt, wie der roheste Haß in — Deutschland noch nicht zum Verlöschen gebracht worden ist: ist es nothwendig die Aktenstücke über diese Angelegenheit in der Allg. Zeit. d. Jud. zu sammeln. Wir theilen daher hier zuerst die Klageschrift, welche die dortigen Jsraeliren am 19. Mai dem königl. Regierungspräsidenten von Mittelfranken, verfaßt von dem königl. Advokaten Gr ein er zu Ansbach, überreichten, auszüglich mit. Thalmessingen den 19. Mai 1845. Königl. Regierung von Mittelfranken Unterthänigste Bitte Kammer des Innern, der Vonstcher der Judenschoft zu Thalmessingen um polizeil. Schutz gegen Verfolgungen, welche ihnen drohen.