Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1845)
- Date
- 1845-07-21
- Page
- Seite 458 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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458 und die oftmalige Wiederkehr derselben Gebete ist ein anderer Uebelstand, der dringende Abhülfe verlangt; ist es da ein Wunder, wenn das Gotteshaus zur Predigt sich füllt, aber früher und spater die Reihen der Andächtigen gelichtet sind? Der Gottesdienst ist allerdings ein lebendiger Ausdruck des frommen Gemeingefühls, der gemeinschaftlichen Ueberzeugung; wir gehören aber keineswegs zu denen, welche sich mit einiger Ausschmückung desselben begnügen. Die Religion, das Judenthum, ist uns etwas Höheres, etwas Heiligeres, als daß sie in eine Stunde der Andacht mit flüchtiger Einwirkung eingeschlossen werden konnte. Die Religion soll wieder, wie sie es bei unseren Vätern war, eine Ueberzeugung für das ganze Leben werden, sie soll ihre volle Ausprägung in unserm Denken und Thun erhalten, wir fühlen uns darüber in einer unheimlichen Beklemmung, wenn uns Vorschriften, als unserer Religion angehörig, ausgegeben werden, die wir tagtäglich weniger beobachtet, immer mehr bespöttelt sehen. Eine Religion kann uns nicht erfüllen, sie kann nicht als eine Lebensmacht wirken, wenn sie ihr Jgnorirtwerden dulden muß, und das Streben muß dahin gehen, daß wir uns freudig zu allen ihren Lehren und Pflichten bekennen, ohne mit der ganzen Bildung der Zeit, ohne mit der ganzen Gestaltung des Staates und der Gesellschaft in Kollision zu gerathen. Sie haben für die Gesetze des Sabbats gleichfalls eine Kommission niedergesetzt; wir wünschen deren Arbeiten ein recht gedeihliches Resultat, denn Sie berühren hier einen Punkt, der die größten Schwierigkeiten erzeugt. Sehen Sie sich um in Ihren Gemeinden und fragen Sie nach der Feier des Sabbats und der Festtage, und Sie werden sich überzeugen, der größte Theil der Juden, selbst diejenigen, welche als eifrige Wächter der Orthodoxie dastehen, haben eigentlich keine Feiertage. Die Kinder besuchen von Jugend an die Schulen am Sabbat, der Lehrling im Handwerke und im Geschäfte muß an diesen Tagen feinen gewöhnlichen Arbeiten nachgehen, und wenn der junge Mann endlich selbstständig geworden, dann wird er schwer zu einer Feier sich entschließen, welche ihm nicht eine liebe Jugendgewohnheit ist, sollten es ihm auch seine Verhältnisse gestatten; und wie Wenige können es in unseren Tagen, wenn ihre Umstände nicht zerrüttet werden sollen! Wie soll das Handwerk und der Ackerbau unter den Juden befördert werden, wenn ihnen noch ferner die Schwierigkeiten entgegenstehen sollen, welche die Feiertage ihnen entgegensetzend Und was soll der jüdische Beamte machen, wie wird er die Kollision mit den Pflichten gegen den Staat ausgleichen? Oder soll dies die Frucht unsrer Liebe gegen unser Vaterland sein, .daß wir demselben unsre Thätigkeit entziehen? Wir legen Ihnen, hochwürdige Herren, keine Vorschläge vor, wir glauben blos auf diesen Punkt Ihre besondere Aufmerksamkeit richten zu müssen. Nehmen Sie nicht zu sehr veraltete Bücher zu Ihren Führern, das frische Leben drängt, und der offene Blick in dasselbe gebe Ihnen die Kraft und den Muth, -Gebrechen zu heilen, die Tag für Tag gefährlicher werden. Nicht minder wichtig ist ein dritter Gegenstand, die verbotenen Speisen. Es ist unsers Berufs nicht, zu untersuchen, ob die Gründe, welche diese Verbote hervorgerufen, heutigen Tages noch bestehen, noch weniger die Grenzen zu ziehen, zwischen den einfachen biblischen Vorschriften und den thurmhohen talmudischen Anhäufungen; aber das müssen wir aussprechen, daß dieses einen so weiten Umfang einnehmende Gebiet ein Krebsschaden unsrer religiösen Zustände ist. Die Küche ist die Zufluchtsstätte der Religion geworden, und das für alle religiösen Gefühle so empfängliche Gemüth der Frauen wird niedergedrückt durch die kleinliche Sorgfalt, in welche ihr vorgeblich religiöses Wirken eingeschlossen wird. Der Rabbiner wird von seiner hohen Aufgabe abgeführt, um mit diesen minutiösen Details und mit Entscheidungen darüber sich abzumühen, die Thatkraft und die Geldmittel der Gemeinde werden für diesen unfruchtbaren Zweig vergeudet, eine Fleischverwaltung, Schlächter, gesonderte wohlthätige Stiftungen für jedes Elend werden nöthig, weil doch die Gemeinde, mögen auch noch so viele Mitglieder derselben sich über diese Gebote hinwegsetzen, sie nicht ignoriren darf, und Kräfte, welche weit Edlerem gewidmet werden könnten, müssen dafür, wir können es nicht anders betrachten, verschwendet werden. Als wir hier die Anforderung stellten, das neu zu gründende Bürgerhospital solle nicht die Juden ausschließen, da rief man uns entgegen: ihr könnt ja doch den dortigen Tisch nicht theilen; wenn wir an den Freitischen der königl. Universität uns betheiligen wollen, dann wird uns wieder dasselbe entgegnet, und was sollen wir darauf antworten im Namen der Gesammlheit? Bedenken Sie aber ferner die ewige Entfremdung, welche gerade diese Speiseverbote in ihrem Gefolge haben, wie kann eine gesellige Annäherung stattfinden, wenn das Mahl ein getheiltes bleiben muß! Seitdem wir aber dem Vaterlande für die Erde unsere ungetheilte Liebe schenken, keinen träumerischen Hoffnungen für die Wiedererlangung eines jüdischen Staats nachhängeu, ist auch das Bedürfniß einer vollständigen