Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1845)
- Date
- 1845-07-21
- Page
- Seite 457 (sequence 9)
- Language
- German
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imd die ruhige Erwägung im Laufe des vergangene» Jahres diesem Ziele viel näher gebracht haben. In diese Rühe trat eine gewisse gegenseitige Bitterkeit, welche in Ihrer eigenen Mitte sich kund gab und die Sie auch vor dem Publikum nicht zurückhielten, störend ein, und wir dürfen es Ihnen nicht verschweigen, daß uns da Manches begegnete, was wir von ernsten und würdigen Männern nicht erwarteten, daß das Vertrauen auf die leidenschaftlose Prüfungleicht erschüttert werden konnte. Umsomehr geben wir uns aber dem freudigen Glauben hin, daß die besonnene und würdige Haltung der Versammlung sich diesmal wieder bewähren werde. Wir wiederholen es daher: es hängt von der diesjährigen Versammlung sehr viel ab, und das allgemeine Urtheil, welches bis jetzt noch nicht abgeschlossen hat, wird erst durch sie näher bestimmt werden. Wollen Sie es uns daher auch nicht verargen, wenn wir Ihnen unsre Wünsche für dieselbe kund geben; nicht Fragen und Forderungen richten wir an Sie', wir wollen Ihrer Einsicht vertrauen, aber als die Männer des Lebens glauben wir, Ihnen Bedürfnisse und Zustände enthüllen zu müssen, die Ihnen vielleicht in Ihrer Stellung weniger bekannt sind, weniger dringlich erscheinen mögen. Wir, die sämmtlichen Unterzeichneten, selbstständige Bürger und zum überwiegend größten Theile Familienväter, sind in pünktlicher Uebung aller alten jüdischen Satzungen, in der Heilighaltung des Judenthums nach seiner' ererbten Gestalt entzogen worden; das Leben und der Geist der Zeit begannen an uns zu rütteln, die Widersprüche und Schwierigkeiten erschütterten unsere Festigkeit, und indem wir das Judenthum nach seiner Aeußerlichkeit beurtheilten, wurden wir kaltsinnig und gleichgültig dagegen. Die Bewegung in demselben weckte unsere Theilnahme; die Liebe zum väterlichen-Glauben war nicht erloschen, sie war zurückgedrängt, und freudig umfaßte sie uns wieder, als eine Aussöhnung desselben mit der ganzen geistigen Errungenschaft, mit allen höheren Gütern der Zeit in Aussicht gestellt ward. Ohne diese Bewegung wäre der bereits herrschende JndifferentiSmus zu unheilvoller Macht gelangt, der begonnene Abfall vom Judenthum in die Reihen der Gemeinden ohne Gegenwehr eingebrochen; während jetzt die innigste Theilnahme Alle Lurchdringt. Aber verhehlen wir es uns und Ihnen nicht: in der Bewegung liegt die Hoffnung, sie ist jedoch nicht das Ziel und die Erfüllung der gerechten Wünsche. Wenn diese Strebsamkeit, wie sie jetzt im Gebiete des Judenthums herrscht, blos ein unruhiges Treiben erzeugt, nicht endlich die Religion in der Gestalt erscheinen läßt, daß eine wahrhafte Befriedigung durch ihre Formen und Vorschriften in die Herzen einLringe, daß sie auf das bürgerliche und gesellige Leben nicht hemmend, sondern veredelnd einwirke, dann dürfte die Theilnahme leicht wieder erkalten und die Enttäuschung noch traurigere Folgen haben, als die frühere Hoffnungslosigkeit. Ein neNes Geschlecht wächst heran , nicht in jenem dumpfen Hinnehwen, aber auch nicht in jener Ehrerbietung vor dem Bestehenden erzogen, ein Geschlecht, das gewissermaßen erst für die Religion gewonnen werden muß, bei dem nicht die Theilnahme vorausgesetzt werden darf: was soll sein- Loos, was soll das Loos des Judenthums sein, wenn beide sich einander fremd bleiben, jenes keinen Glauben, dieses keine Bekenner hat? Um dieser drohenden Gefahr zu begegnen, genügen nicht untergeordnete Flickversuche, dazu bedarf es einer ernsten Hervorhebung der ewigen jüdischen Wahrheiten und der Reinigung derselben von allem Schutte, der um sie sich lagert. Sie haben den Gottesdienst zum besondern Gegenstände Ihrer Aufmerksamkeit gewählt; wir wissen, die Verbesserungen, welche demselben an vielen Orten und auch an dem hiesigen zu Theil geworden, sehr wohl zu würdigen, und verdanken diesen manche Stunde reicher Erbauung und Belehrung. Dennoch muß noch Vieles geschehen, wenn der Gottesdienst als ein Ganzes von veredelndem Einfiusse sein, wenn er nicht ein blos verbesserter bleiben, sondern ein erhebender werden soll. Wir können mit den Aussprüchen der „Auserwähltheik Israels," als genössen wir der besondern Liebe und Bevorzugung von dem Vater aller Menschen, mit dem Wunsche einer Rückkehr nach Palästina kein frommes Gefühl mehr verbinden, und wir müßten den Gottesdienst entweder verlassen, oder als bloßes Lippenwerk mitmachen. Wir können ferner in einem Gottesdienste, welcher in hebräischer Sprache abgehalten wird, die rechte Erbauung nicht mehr finden; wir ehren die Sprache, welche die Ursprache unsrer heiligen Bücher ist, sie soll aus unserer Mitte nimmer schwinden, aber zum Ausdrucke unserer Gefühle ist doch nur die Muttersprache geeignet. Dem gegenwärtigen Geschlechte mögen auch noch die Gebete vielleicht theilweise verständlich sein, aber was werden unsre Kinder beginnen, die nicht ihre ganze Jugendkraft dieser einzigen Keuntniß widmen dürfen und sollen? Sollen sie bei dem Worte, das aus dem Herzen strömen soll, ängstlich erst in einer etwa daneben stehenden Uebersetzung dessen Bedeutung erforschen? Die lange Dauer des Gottesdienstes 30 *