Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1845)
- Date
- 1845-07-21
- Page
- Seite 456 (sequence 8)
- Language
- German
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456 diese näher auf die Angelegenheiten eiugiug, sich bereit erklärte, alle Beschlüsse der Rabbinerversammlnng im Wirkungskreise des Vereins zu realisiren, und selbst einen Antrag an die Rabbinerversammlung stellte, nämlich 1) ein neues deutsches Gebetbuch, 2) eine neue Liturgie abzufassen. Die zu scharfen und verwerfenden Urtheile über in der Synagoge gegenwärtig gebräuchlichen Gebete in dieser Addresse gaben Veranlassung, daß Salomon und Frankel eine Verwahrung gegen diese aussprachen. Die Deputation der berliner Genossenschaft für Reform des Iudenthums (Herr 0r. Stern und-'Rebenstein), wurde vom Sekretär eingeführt; dieselbe überreichte ihr Kreditiv und Or. Stern las die Addresse derselben, die wir oben bereits gegeben, vor. Hierauf erwiederte der Präses, daß die Versammlung wirklich sie anerkenne, ihre Wärme, ihr Bestreben nach Positivem; und obgleich der Rabbiner die Einheit in der Gemeinde im Auge haben müsse, so werde die Versammlung nicht anstehen, ihre Aufmerksamkeit darnach zu richten. Die Versammlung ging daher auf die Wahl einer AddreßkomMission ein, welche Entwürfe zur Beantwortung der eingelaufenen Addrcssen vorzulegcn habe, und wurden hierzu Salomon mit 12, Frankel mit 11, Philippson mit 10 Stimmen erwählt. (Fortsetzung folgt.) Wir geben. hier sofort den Text der, am zweiten Tage eingelaufeuen Addresse von 168 Breslauern. Denkschrift an eine hochwürdige Rabbinerversammlung in Frankfurt am Main. Aus weiter Ferne begrüßen wir Sie, hochwürdige Herren,-freudig und vertrauensvoll! Es ist eine erfreuliche und erhebende Erscheinung, daß die geistlichen Führer der Gemeinden mit Ernst dem Verfalle unserer Religion vorzubeugen, Maßregeln ergreifen wollen, daß sie es einfehen und aussprechen, nicht Leichtsinn sei die Triebfeder derjenigen, welche oft selbst mit blutendem Herzen sich den bestehenden Satzungen und Gebräuchen entziehen, es sei vielmehr der quälende Widerspruch zwischen der allgemein herrschenden höhern Bildung, zwischen den Anforderungen, welche unsre Stellung im Staate und im Leben an uns stellen, und den harten Zumuthungen eines veralteten Systems. Wo eine solche Einsicht die geistlichen Führer durchdringt, da dürfen wir ruhig den Blick in die Zukunft werfen, uns der Hoffnung hingeben, daß die Auswüchse und Mißbräuche aus unseren religiösen Bestimmungen weichen werden und das Judenthum mit seiner reinen Lehre und seinen beseligenden Wahrheiten Allen wieder das höchste Gut, Alle fest umschlingen werde. Darum vertrauen wir Ihnen auch, hochwürdige Herren, und ehren den Muth, der Sie beseelt, der Sie die Angriffe verachten lehrt, welche von Männern ohne Kenntniß des Lebens und ohne wahre Bildung ausgehen. Die Zeit ist vorüber, in welcher ein Baunspruch, von Rabbinen geschleudert, Schrecken im Lager Israels verbreitete; nur ein Gegenstand des Mitleidens sind allen Verständigen jene Fanatiker, welche die Zeit mit ihrem Unverstände meistern wollen, ein Gegenstand des Abscheues jene Schwächlinge und Heuchler, die sich zu lächerlichen Demonstrationen mißbrauchen lassen, um den Ruf knöcherner Orthodoxie um sich zu verbreiten. Wenn diese Kundgebungen jedoch den Männern, welche im Leben sich bewegen, nur Bedauern einstößen, so mögen sie allerdings den Rabbinern, welche des Vertrauens ihrer Gemeinden bedürfen und sich nun verdächtigt sehn, wol bedenklicher erscheinen und die Besorgniß erregen, daß doch ein Theil ihrer Gemeinden ängstlich werden und ihre Stellung gefährden könnte. Umsomehr achten wir den Muth, der Sie derartige Bedenklichkeiten überwinden lehrt, und wir rufen Ihnen ein Wohlauf! entgegen; wo überall ein so reger Sinn herrscht, wo aber auch die wahre Frömmigkeit erstickt zu werden droht, da bleibt keine Wahl, und wie wir es Ihnen Dank wissen, daß Sie in Ihrer Wahl nicht schwankend werden, so müssen wir um der Feiglinge willen erröthen, welche die eigene Sicherheit höher stellen, als die Verherrlichung unseres Glaubens: als die Wohlfahrt der Gesammtheit. Mit um so gespannterer Erwartung sehen wir Ihren diesmaligen Berathungen und deren Resultaten entgegen. Wir dürfen es Ihnen nicht bergen, daß die Achtung und das Vertrauen, welche Ihren Versammlungen in Zukunft geschenkt werden sollen, von dem Geiste, der namentlich die diesjährige leiten wird, und von deren Aussprüchen sebr abhängig ist. Wir haben die vorjährige als eine mehr vorbereitende betrachtet; die Beschlüsse über den Eid und die Kol-Nidre-Formel waren uns willkommen, weit wichtiger aber erschien uns, daß Sie Kommissionen über die Liturgie und die Sabbatgesetze eingesetzt Haben; größere Resultate konnten wir von einer ersten Zusammenkunft nicht erwarten, es mußten die Grundsätze, von welchen bei der so oothwendigen Reform auszugehen ist, erst mehr Klarheit und Festigkeit erlangen, und wir zweifeln nicht daran, daß die aufmerksame Beobachtung