Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1845)
- Date
- 1845-07-21
- Page
- Seite 453 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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453 thum, unser theuerstes Erbtheil, nicht für uns oder einzelne Kreise, sondern für Alle, die sich zu demselben bekennen, von jenen veralteten Formen zu erlösen, und seinen ewigen Kern in einer zeitgemäßen Gestalt, und durch eine solche, uns zu erhalten, damit es unser Leben mit der Kraft seines göttlichen Wesens wieder zu durchdringen vermöge. Auch wir haben die Schwierigkeit dieses großen Vorhabens nicht verkannt, aber was uns treibt und nölhigt, uns und unsere Glaubensgenossen aus der bequemen Ruhe und der sogenannten Freiheit unseres Thuns und Lassens zu erwecken, und den schweren Kampf mit der Gleichgültigkeit auf der einen, und mit dem tausendjährigen Vorurtheile auf der andern Seite zu kämpfen, das ist grade das Bewußtsein unserer wahrhaften Freiheit, die ihre Anerkennung fordert; das Bewußtsein, daß wir uns öffentlich zu dem bekennen sollen, was wir als das Rechte und Wahre erkannt haben, und daß wir nicht nur um unsertwillen, sondern auch im Namen des Judenthums die Rückkehr desselben zu derjenigen Entwickelung fordern müssen, deren es so lange entbehrt hat. Und was uns ermuthigt zu diesem schweren Kampf, ist die Ueberzeugung, daß die alte Lebenskraft im Judenthum nicht erstorben und nicht geschwächt sei, und daß unser Bedürfniß kein vereinzeltes ist, sondern in Tausenden unserer gebildeten und vorgeschrittenen Glaubensgenossen mit gleicher Kraft zur Erscheinung kommen werde, wenn es irgend woher mit Entschiedenheit angeregt wird. Und vor Allem erkräftigt uns das Vertrauen auf das fortgeschrittene Bewußtsein der Zeit, die ihre Flügel mächtiger regt, als je zuvor, welche hindrängt zur Freiheit der Erkenntniß, und so die mächtigste Stütze aller Bestrebungen bildet, die auf das Licht der ursprünglichen und reinen Wahrheit gerichtet sind, wenn dieselbe auch durch tausendjährige verdichtete Nebel getrübt ist. Konnte im Kreise des JudenthumS eine Erscheinung der Zeit dieses Bewußtsein, diese mächtige Kraft desselben bekunden, und geeignet sein, uns Muth bei unserm Werke einzuflößen, so ist es sicher die hochwürdige Rabbinerversammlung, deren Geist und Richtung schon bei ihrem erstem Zusammentritt einen Licht- und Hoffnungsstrahl in die Entwickelungsgeschichte des Judenthums geworfen hat. Bei allen dem Fortschritt zugewendeten Bekennern unserer Religion, hat diese Versammlung sich die wärmste Theilnahme erworben, und wir erfüllen unserer Seils eine freudige Pflicht, indem wir der Rabbinerversammtung unser inniges Dankgefühl für die Anregungen und Leistungen ausdrücken, welche von derselben bereits au§- gegangen sind, und unsere sichere Zuversicht aussprechen, daß es ihr trotz mannigfacher Hindernisse und Anfeindungen gelingen werde, auf dem betretenen Wege zum wahrhaften Heile des Judeuthums sicher und entschieden fortzuschreiten. Wenn wir, die Unterzeichnete Genossenschaft, uns in diesem Jahre gleichfalls und selbstständig konstituirt haben, so hoffen wir, daß sie darin nur eine wahrhafte Anerkennung sehen werden, die zugleich zu einer Erkräftigung und Förderung Ihrer Bestrebungen führen soll. Wir können das Ziel unserer Bestrebungen mit denselben Worten bezeichnen, mit welchen es die Rabbiner- Versammlung gechan hat. Denn wir wollen nichts An. deres als „Erhaltung und Fortbildung des JudenthumS und Belebung des religiösen Sinnes unter feinen Bekennern." Wir haben unsere Bewegung ebenfalls ohne fremde Autorisation, ans eigenem, freien Antrieb begonnen, und unsere Berechtigung für dieselbe haben auch wir in dem immer unabweisbarer sich aufdrängenden Bedürfniß nach einer Ausgleichung zwischen unserm Leben und Empfinden mit den bestehenden Formen unserer Religion erkannt, und in derselben Weise, wie die Rabbinerversammlung ohne unmittelbare Mitwirkung der Gemeinden zusammeugetceten ist, und erst durchs ihre Resultate auf diese zu wirken hofft, ebenso haben wir unsere Thätigkeit begonnen, ohne zunächst die Unterstützung, und den Rath der Rabbiner und Gelehrten in Anspruch zu nehmen, aber auch wir glaubten nicht unser Ziel erreichen zu können, ohne diese Mitwirkung derselben für unsere Zwecke zu fordern, zu welcher Sie durch Ihren Beruf berechtigt, und durch Ihr Wissen befähigt sind. . So wie aber unsere'Bewegung auf der einen Seite eine volle Anerkennung der Aufgabe ausspricht, die sich die Rabbinerversammlung gestellt hat, so schien uns dieselbe doch einer Ergänzung durch eine gleichartige Bewegung zu bedürfen, welche aus der Mitte des Volks unmittelbar hervvrgegangeu ist. Es spricht sich in unserm Zusammentrelen das Bewußtsein aus, daß auch der Laie, wenn dieser Ausdruck im Gebiet des Judenthums überhaupt seine Anwendung findet, daß die Gemeinde berechtigt sei, eine unmittelbare Theilnahme an der Fortbildung des Judenthums für fich in Anspruch zu nehmen, das Bewußtsein, daß es ein Gebiet des religiösen Lebens und der religiösen Entwicklung gebe, auf welchem die Gemeinde