Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 30 (21.7.1845)
- Date
- 1845-07-21
- Page
- Seite 450 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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450 den begeisternden Anblick, und dankten im Voraus freundlich der Rabbinerversammlung, daß sie zum ersten Male nach zwölfjähriger Amtsführung uns ans unserm nächsten Wirkungskreise herausgerissen und in die Ferne geführt hat, um der Mannichfältigkeit der Natur und Menschen Lnne zu werden. Nach achtunddreißigstündiger, unaufhörlicher Fahrt langten wir in der alten freien Reichsstadt, in Frankfurt au, gastfreundlich begrüßt und ausgenommen. Man fühlt sich wirklich bald heimisch. Der gemüthliche Süddeutsche, der Herz und Haus viel schneller dem Fremden öffnet, machte seinen Charakter geltend, und führte bälder zur Vertraulichkeit. Wir waren — außer den Mitgliedern des Ausschusses, die nicht in Frankfurt wohnen und außer Herr Dr. Hirsch aus Luxemburg — der erste Teilnehmer der Rabbinervcrsammlung, der hier ankam. Aber im Laufe des Tages langten die Herren DD. Holdheim, Geiger, Heß, Einhorn, Kahn, der ehrwürdige, 65 Jahre alte Rabbiner Gosen aus Marburg, von seiner Provinzialregierung selbst zum Besuch der Rabbinerversammlung veranlaßt, hier an. Der Herr Dr. Frankel aus Dresden war in Fulda über Sabbat geblieben, Herr Dr. Herzfeld aus Braunschweig und Andere auf Zwischenstationcn, so daß der Sonntag und Montag die Reihen füllen werden. Die Versammlung wird jedenfalls zahlreicher, als die vorjährige. Die Herren von den badischen Rabbiuen, welche kommen werden, haben zuvor einer Versammlung der badischen Rabbinen in Karlsruhe beigewohnt, die aber nicht öffentlich war, und deren Resultate wir wahrscheinlich bald werden mittheilen können. Den baier'schen Rabbinen ist der Urlaub — verweigert worden. Der Sabbat ist theils mit dem Besuch des Gottesdienstes, theils mit vorläufigen Besprechungen vergangen. Frankfurt ist eine herrliche, echt deutsche Stadt. Sie besteht aus — zween Theilen, die aneinanderhängen, ohne sich durchdrungen zu haben: einem alten, engen, dunkeln, und einem neuen, regelmäßigen, lichten Theile, mit hohen, schönen Gebäuden. Man überschreitet die bestimmte Grenzlinie beider, und weiß sofort, wo man ist, wo die alte oder neue Gewalt schöpferisch gewaltet hat. Bemerkenswerth ist, daß die neue Stadt sich geradezu zwischen die alte und den Main gelagert hat, und demnächst Räume ausfüllt, die ehemals durch Mauern, Wälle, Gräben besetzt waren. Schöne, wohl erhaltene Spaziergänge umziehen die Stadt. Rach der Sitte vernünftiger Reisenden haben wir uns mehre Male schon in den beiden verflossenen Tagen ohne Führer in die Stadt auf's Gerathewohl versenkt: man macht so unabhängiger seine Bemerkungen. Da zogen wir unter den Bögen eines 600jährigen Thurmes (das Eschernheimer Thor) hindurch, ein alterthümlicher, aber fester Bau, mit Erkern und Fensterchen und Thürmchen, dennoch einen bestimmten, sichern Gedanken ausprägend, schlank und fest, zur Warthe und zur Wehr. Dort zogen wir vor einem unansehnlichen, rothen Hause, dem „Palais," vorüber — aber die redselige Schildwache versicherte, daß innen es mit fürstlicher Pracht ausgestattet sei, denn da werden — die Sitzungen des Bundestages gehalten. Dort stießen wir auf die, in kleinliche Umgebungen gestellte, kolossale, mächtige Statue des geistbegabtesten Sohnes Frankfurts, auf dessen, mit Gestalten aus seinen Werken herrlich verzierten Sockel — wie zum Spott des Beschauers — der Name „Gölhe" in goldnen Buchstaben prangt, als ob die sehr getroffenen Züge des Meisters nicht sofort sagten, wessen erznes Abbild uns hier in wahrhafter Majestät begrüße, und als ob die Nachwelt es je vergessen werde! Die leuchtende Stirn, die Augen, die Nase hat der Künstler dem Urbild vollendet abgelauscht — nur Mund und Kinn sind zu weichlich, zu alt, die Gestalt zu breit gehalten. Die Hauptsynagoge stellt dasselbe Bild, wie die Stadt dar. Sie ist eng, dunkel, das Alter überall verrathend; aber vorn ist ihr innen ein neuer Theil angebaut, vor der heiligen Lade und die an der Seite angebaute, hohe Kanzel, die erste, die wir in einer Synagoge an der Seite befindlich sahen. Der Gottesdienst ist nach dem Maßstabe der bisherige», gewöhnlichen Umwandelungen verändert, tüchtig mit Chorgesaug versehen. — Der Leser sehe diesen flüchtigen Bemerkungen freundlichst nach. Wir werden alsbald zum Ernste gelangen. Heute brechen wir ab, um — einen Ausflug nach dem nahen Homburg zu machen. Vorbereitungen. Der Ausschuß, bestehend aus den Herren Stein, Formstecher, A. Adler und S. Adler, (wir lassen die Titel fortan der Kürze wegen fort,) haben nicht allein statutengemäß die eingelaufenen Anträge bekannt gemacht (s. No. 26 d. Ztg. S. 392 ff.), sondern auch regelmäßige Berichte angefertigt, die der Versammlung vorgelcgt. werden. Hingegen haben die von der vorjähri-