Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1845)
- Date
- 1845-07-14
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
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435 was das biblische Judenthum im Betreff unserer Frage beweise, so wäre eine Antwort im verneinenden Sinne falsch und unrichtig. Die Behauptung wird wol Niemand beanstanden, daß während des ersten und zweiten Tempels der Mittelpunkt der öffentlichen Gottesverehrung im Opferkultus bestand und hierbei der Unterschied zwischen Priestern und Laien in seiner vollsten Ausdehnung galt. Beweise hierüber anzuführen ist wol überflüssig *). Die. damalige Priesterschaft hätte sich auch von den gelehrtesten Glaubensgenossen kein Jota von ihrem Opferrituell nehmen oder aufdringen lassen, geschweige daß sie irgend einem, und sei er auch ein König (2 Chr. 26, 18), freiwillig die praktische Ausübung der ihr zugewiesenen Funktionen gestattet hätte. Nur der anerkannte Prophet konnte, da seine Worte als unmittelbarer Ausfluß der göttlichen Eingebung aufgefaßt wurden, zuweilen den Opferdienst ohne den echten und rechten Lebenswandel tadeln und selbst wie Elias auf dem Berg Karmel in Ermanglung wahrer Priester als Laie den Opferdienst an ungeeignetem Orte ausnahmsweise — rwn» namtt — verrichten. Der Grundgedanke eines Unterschieds zwischen Geistlichen und Laien steht also iw biblischen Judenthume fest, welcher aber nicht bis zu jener Ausdehnung erhoben ist, daß der Laie zum allerblindesten Glauben und zur gedankenlosen Bevormundung verwiesen sei. Abgesehen von der Aufforderung und Verpflichtung: „du sollst sinnen darüber Tag und Nacht" (Jos. 1, 8) **) finden wir schon in den ersten Anfängen des Judenthums Bemerkungen und Vorstellungen von verschiedenen Personen, über verschiedene Gegenstände der Religion und des bürgerlichen Lebens vorgetragen und genehmigt. Ahron macht Bemerkungen ^egen Moses im Betreff des Opferritus (IH.B. M. 10,19); Männer, welche unrein waren, machen Vorstellungen im Betreff der Festfeier (IV- B. M. 9, 7); die Töchter Ze- *) Nur Korach und sein revolutionärer Anhang, welcher wie Talmud und Midrasch berichten, ein steinreicher Mann war, ist als Repräsentant der Geldaristokratie gegen das Prinzip des Unterschiedes zwischen erblichen Priesteradel und Laien aufgetreten, sprechend „die ganze Gemeinde sind lauter Heilige, denn unter ihnen ist der Ewige und warum erhebt ihr euch über die Versammlung des Ewigen." {IV. B. M. 16, 3). Korresp. **) Nach Josephus liegt der Institution des Sabbats der Gedanke zu Grunde, damit man'sich mit Hören und Lernen des Gesetzes beschäftige, damit keine Uebertretung des Gesetzes mit Unwissenheit entschuldigt werden könne. (Geist des Judenthums von d’Israeli S. 23). Korr. I tafchad glaubeu sich berechtigt das väterliche Erbtheil zu beanspruchen und machen deßhalb bei Moses Vorstellungen (lV. B. M. 27, 5); Eldad und Medad halten in öffentlicher Volksversammlung (IV. B. M. 11, 26) öffentliche'Reden und aus den Worten des jugendlich feurigen Josua „mein Herr Moses wehre ihnen" geht hervor, daß diese weiter keine Süßigkeiten und Lobhudeleien sagten. Wol wollen Manche, in der Meinung dadurch der vä. terlichen Religion einen Vorzug zu vindiziren, behaupten, das Judenthum kenne und anerkenne durchaus keinen Unterschied zwischen Geistlichen und Laien. Allein das Streben nach Wegwischung dieses Unterschiedes geht hervor, weil eben in demselben der Gedanke und die Möglichkeit einer hierarchischen Herrschaft liegt; allein au dem gewaltigen Verruf, in welchen die Hierarchie gekommen ist, hat die jüdische Priesterschaft keine Schuld, er ist vielmehr ein Erzeugniß der christlichen Weltperiode. Aus dem innern Prinzipe der Hierarchie folgt wol nicht die Anklage gegen dieselbe und nur die Erfahrung hat sie diktirt. Nun lesen wir weder in den Propheten, die doch Haare auf den Zähnen hatten, noch in den jüdischen Geschichtsschreibern, die sich doch kein Blatt vor den Mund nahmen, Klagen über den sonderlichen Mißbrauch des priesterlichen Einflusses zum geistigen und materiellen Nachtheil des Volkes. Bei dem vielfältigen Thron - und Dynastienwechsel, wovon uns die Bücher der Könige erzählen, spielt die Priesterschaft keine sonderliche, ihrer überhaupt unwürdige Rolle. Nirgends wird heftig über priesterliche Herrschsucht, Volksbedrückung oder absichtliche Volksverdummung geklagt*). Mit einem Worte: das Judenthum hat sich nie seiner Priesterschaft geschämt und zu schämen gehabt. Nur im christlichen Mittelalter und zwar in jener Zeit, in welcher die christliche Kirche sich von dem alten einfachen, ihr ursprünglich inwohnenden alttestamentalischen Geist entfernt hatte, als die Priester sich nicht mehr an dem einfachen Satz „Gott ist unser Erbtheil" hielten, sondern nach weltlicher Herrschaft, irdischem Reichthnm und Besitz strebten und wirklich das Erstrebte erlangten, da erst hat die Prie- *) In den donnernden Prophezeiungen Jesaia's wird der Name Priester nur dreimal erwähnt 24, 2. 61, 6. 66, 23. In den Proverbten, welche doch alle Lebensver.hältnisse berühren, welche namentlich gegen Unterdrükkuog und für Aufklärung eifern, kommt das Wort Priester gar nicht vor; ein Beweis, daß man gegen die Priesterschaft nichts einzuwenden hatte. — Korresp.