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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-07-07 · Heft 28 (7.7.1845) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 28 (7.7.1845)
Date
1845-07-07
Page
Seite 419 (sequence 3)
Language
German
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419 Aber allerdings muß die Reform danach streben, an die Stelle des Negirten ein Positives zu setzen, und, wo sie niedergerissen hat, nur eine Baustelle gewonnen haben, um daselbst wieder aufzubauen. Jedenfalls - ist dies das Schwierigere, was die Reform hervorzubringen hat: denn was unpassend, was eine historisch gewordene, für die Jetztzeit unendlich bedrückende Erschwerung geworden — das sieht man bald ab. Jeder hat es an sich empfunden. Aber was dafür als Stütze der Religion und Religiosität an die Stelle zu setzen ist, das zu finden, ist Wenigen gegeben. Denn es gilt da, einerseits das Bcdürfniß der jetzigen und zukünftigen Geschlechter zu erlauschen, andrerseits aber muß cs ans den vorhandenen Schätzen der Religion hervorgeholt worden, denn ein platterdings Neues läßt sich im Gebiete der positiven Religion nicht schaffen, weder hat die Menschheit die Kraft zu solch einem Schaffen, noch hat sie sie zur Annahme eines solchen. Wir glauben daher gerade in dem, was wir bis jetzt über die Reform ausgesprochen, das Richtige gegeben zu haben. Indem wir die israelitischen Kultformen auf den biblischen Standpunkt zurückführen wollen, indem wir unfern Gottesdienst zum großen Theile biblisch machen, ihm die ganze heilige Schrift einverleiben wollen, indem wir für das Bedürfniß einer großen Zahl Glaubensgenossen nach den einmal faktisch vorhandenen Zuständen einen erweiterten Wochengottesdienst am Sonntage verlangen: glauben wir schon hinlänglich Positives gegeben zu haben, glauben wir schon an dem Wiederaufbau zu arbeiten, nachdem niedergeriffen worden. Allein das Positiveste in der Reform ist dennoch ein Anderes, und wenn gerade dies am wenigsten durch bestimmte Formen sich bewirken läßt, so muß es doch immer als ein Hauptwerk wahrer Reform, als der wesentlichste Inhalt derselben betrachtet werden. Wir meinen: die Erweckung und Belebung des religiösen Sinnes. Wir haben es vor einigen Monaten bereits in diesen Blättern ausgesprochen: unsreZeit ist konfessionell, aber wenig religiös. Die vielen, erbitterten Kämpfe, die iü allen Religionsparteien wieder entstanden sind und geführt werden, sie sind kein Zeugniß für den religiösen Sinn der Menschen unsrer Zeit. Die Geschichte lehrt uns, daß die heftigsten Fehden auf dem Gebiete der Religion oft um solche Nichtigkeiten geführt wurden, daß die Enkel das nicht, mehr begreifen konnten. Und wenn es nun wahr ist, daß allerdings die Fragen unsrer Zeit von größerer Bedeutung und höher gehalten sind: so sind sie doch meistens mehr dem Verstände, als dem Herzen entsprungen, und gehören in die Kategorie des Kampfes um das historische Recht oder die freie Selbstbestimmung des Menschen. — Den Beweis haben wir auch in der Praxis erfahren, denn wir sahen schon, daß Männer sich an die Spitze der Parteien stellten und ihre Heerführer wurden, denen in Wahrheit die wahrhafte Religiosität gänzlich freuid war, die sich gestern noch als — Atheisten, als Religionssp'ötter und Religionsverächter geritten, und heute an der Spitze einer religiösen Bewegung prangen. Wir haben es genugsam auch im Judenihume erlebt, wo nicht selten Männer die alten Formen des Judenthums, die sogenannte Orthodoxie auf's Heftigste vertheidigten, welche für ihre werthe Person sich allen Gesetzen der Orthodoxie längst entzogen hatten, und fort und fort entziehen. Auch das läßt sich nicht einmal mit ^Bestimmtheit sagen: daß dem Verlangen nach Reform überall ein geweckter religiöser Sinn zu Grunde liegt. Oft ist es nur Feindschaft gegen veraltete Formen, oft nur der natürliche Widerwillen gegen unästhetische Formen, gegen Geschmacklosigkeit, oft auch nur das Verlangen, den Nichtisraeliten ein besseres Urtheil abzugewinnen. Wie überhaupt den Menschen unsrer Zeit, fehlt es im Allgemeinen den Israeliten unsrer Zeit an Innigkeit des religiösen Sinnes, an tiefer Empfindung, an tiefer Gemüthlichkeit in der Religion^ Je Heller die Begriffe, je aufgeklärter die Anschauungen, je gereinigter die Vorstellungen, sind: desto mehr wandelt sich die ganze religiöse Sphäre in eine Begriffswelt um, und es kommt vielmehr auf die zufällige Beschäftigung des Geistes an, als daß ein Durchdrungensein von wahrhaft frommem Seelenleben vorhanden ist. Im Judenthume ist dies gerade durch die vorwaltende Formheiligkeit besonders gefördert »vordem Diese hat den religiösen Sinn vielfach erdrückt, indem sie sich mit der bloßen Verrichtung der Form absolvirte. Aber noch vielmehr ward es dann Resultat der gänzlichen Entfernung von der religiösen Form, da nun nichts mehr für das Individuum übrig blieb, wogegen die Form doch noch immer ein Band, einen Wegweiser hätte abgeben können. So ist es diese Weckung und Belebung des religiösen Sinnes, welche, eine Hauptaufgabe der Reform bildet, die das. Positiveste in derselben ist, und ohne diese sie — niemals ihr Ziel erreichen wird. Denn dieser Mangel an tiefem religiösem Sinne ist es, welche der Reform

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