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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-06-23 · Heft 26 (23.6.1845) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 26 (23.6.1845)
Date
1845-06-23
Page
Seite 386 (sequence 6)
Language
German
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886 das Bewußtsein haben, durch solche Bruchstücke nicht etwa neue Ruinen zu schaffen, sondern eine Lebenskraft zu stärken , die dann durch ihr W.achsthum um so leichter die weiteren Hindernisse beseitigt, um so rascher die rostigen Fesseln sprengt. Den wichtigsten Gegenstand, welchen die Versammlung diesmal zu berathen haben wird, bildet der Gottesdienst. Bereits die vorige hat dies durch die Niedersetzung einer Kommission anerkannt, und ich zweifle nicht daran, daß deren Arbeit auch die kurze folgende Besprechung über den Gegenstand unnöthig machen wird; dennoch dürfte sie von dem Gesichtspunkte aus, daß eine Verständigung schon vor dem Beginne der Versammlung eingeleitet werde, nicht als ganz überflüssig erscheinen*). Uebrigcns wird auch nicht blos die diesjährige Versammlung mit diesem wichtigen Gegenstände sich zu beschäftigen haben; auch hier wird das Anbahnen und Fortschreiten nothwendig werden, und erst aus der einen Reform die Möglichkeit zur zweiten sich erzeugen. Werde ich nun bei meinen folgenden Vorschlägen mich auch von diesem Gedanken leiten lassen, so könnte es dennoch sein, daß mancher Vorschlag,noch nicht zur Ausführung geeignet scheinen könnte und somit erst eine Diskussion, welche für spätere Zeit fruchtbar werden könnte, einleitete. Die Bedeutung, welche der Gottesdienst an sich als unmittelbarste Aeußerung des religiösen Sinnes, dann aber auch als höchst wirksames Mittel zur religiösen Anregung in dem kirchlichen Leben einnimmt, die Verbindung der Gläubigen zu diesem Zwecke, welche ihn mehr als andere religiöse Verrichtungen zum Ausdrucke der gemeinschaftlichen Ueberzeugung machen, sind hinlänglich, um ihm bei einem jeden Versuche zur Reform die entschiedenste Aufmerksamkeit vor Allem zuzuwenden, ohne daß freilich mit ihm das religiöse Leben und die Aufgabe zur Erfrischung desselben abgeschlossen sei. Zwei Punkte sind es aber besonders, welche in dem Wesen und Zwecke des Gottesdienstes noch immer entschiedener hervor- °) Diese Privatverständigung vor dem wirklichen Zusammentritte halte ich für sehr wichtig, und spreche ich daher die Bitte an meine geehrten Herren Amtsbrüder aus, sich wo möglich einige Tage vor dem 15. Juli bereits in Frankfurt einzu finden. Namentlich richte ich diese Bitte an die Mitglieder der Kommissionen über die Ehegesetze und den Sabbat, denen auch ich anzugehören die Ehre habe. Jedenfalls hoffe ich, wenn kein außerordentliches Hinderniß eintritt, bereits den 11. Juli in Frankfurt einzutreffen. gehoben werden müssen und auch wirklich immer mehr als dringend einer Reform bedürftig sich Herausstellen, die Sprache, in welcher gebetet wird, und der Inhalt der Gebete. Es bleibt nun einmal eine nicht zu widerlegende Wahrheit, daß das Gebet nur dann ein vollkommen andächtiges und Andacht erweckendes sein kann, wenn es in der Muttersprache abgehalten wird, und zwar nicht blos deßhalb, weil nur deren Versiändniß von Allen ohne Unterschied vorausgesetzt werden darf, sondern weil mit ihr am Innigsten sich alle unsere Gefühle verknüpfen, während bei einer fremden Sprache immer erst das Wort durch das Medium des Verstandes, der Uebersetzungsthätigkeit hindurchgehn muß, bevor es in das Her; dringt. Die Reflexionen, welche dem Juden bei den Klängen der hebräischen Sprache gewisse gemüthliche Saiten anschlagen, rufen dennoch ein blos schwebendes ungewisses religiöses Gefühl hervor, ohne daß dasselbe auch firirt würde, einen bestimmten Inhalt hätte; unsere Frömmigkeit aber soll wol eine innige, aber auch zugleich keine nebelhafte, vielmehr eine klar erkannte sein, und das Verfländniß von dem Inhalte des Gebetes, von der gemüthlichen Anregung, welche dieser darbictet, muß daher überwiegend beachtet werden. , Die Erfahrung spricht auch hier mit voller Beweiskraft für diese Behauptung. Herzliche Gebete vor und nach der Predigt, die Umwandlung der v:, ürp’v Nb» bä, 28 u. dgl. in deutsche Gebete (wie sie z. B. hier stattfindet) haben eine eindringliche Wirkung, welche von keinem hebräischen Gebete empfunden wird. Durch sie werden bestimmte fromme Gefühle angeregt, bestimmte fromme Entschlüsse geweckt, während die hebräischen Gebete, selbst in den Augenblicken der heißesten Andacht, yür eine gewisse Verschwommenheit erzeugen, die sich selbst an den harten Stein einer Kol-Nidre- Formel anlehnt Ist nun auch, meiner Ueberzeugung nach, ' prinzipiell die Anwendung der Muttersprache bei dem Gebete durchaus nothwendig, so verdient freilich die lange Gewohnheit, mit der man die bestimmten hebräischen Gebete umfaßt, eine Berücksichtigung. Es ist nämlich die Gewohnheit nicht an die Sprache geknüpft; würde Tag für Tag und Sabbat für Sabbat ein anderes, wenn auch hebräisches Gebet gesprochen, so würde mau dessen Vertauschung mit einem deutschen ganz ruhig hiunehmen; allein daß es feststehende Gebete sind, die nun einmal hebräisch abgefaßt sind, die man auswendig, kann, mit deren Reihenfolge man vertraut ist, dies macht einem großen Theile dieselben in ihrer Sprache werth. Dabei werden wir es uns nicht verhehlen, daß die feststehenden

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