Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-06-23 · Heft 26 (23.6.1845) · p. Seite 385

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 26 (23.6.1845)
Date
1845-06-23
Page
Seite 385 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225389-3225416--06990-3236852
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

385 langt ein vollkommen abgerundetes System -es Glaubens und der Pflichten, welches mit eben solcher Entschiedenheit das Wahre festhalte wie aber auch das Falsche als irreligiös und schädlich verwerfe. Der Rabbiner, welcher nicht blos an der Oberfläche haften bleibt, welcher sich für die Judenheit nicht mit einigen dunkelen religiösen Empfindungen, mit einigen vorübergehenden Anregungen begnügt, sondern ein tiefes, gesundes inneres und nach allen Beziehungen hin sich bewährendes und harmonisches religiöses Leben verlangt, wird daher nimmer selbstgefällig auf einige partielle Reförmchen Hinblicken, wird seine Wirksamkeit nicht abgeschlossen glauben, wie er hier und da eine kleine Blüthe anfschießen sieht, sein Ziel wird vom strengsten praktischen und positiven Standpunkte aus die volle Abrundung und daher eine großartige Umgestaltung sein müssen, er wird es als seine Aufgabe erkennen das Todte wegzuräumen und das neue Leben zu wecken und zu pflegen; künstliche Wiederbelebungsversuche mit dem einmal Verschiedenen, aus dem Leben Gewichenen, die Erzeugung eines stupiden „historischen Respektes," der der Alterthumsforschung von Nutzen ist, aber nicht der Erfrischung der Gegenwart, nicht der Weckung der Thatkraft, muß ihm als ein bedauerlicher, ja gefährlicher Zrrthum erscheinen, muß ihn anekeln. Dasselbe Gefühl macht sich bei den höher gebildeten Nichttheologen geltend; — fand dasselbe bis vor Kurzem meistens in der Gleichgültigkeit gegen alle untergeordneten Reformversuche, ja in dem Spotte über und in dem Hasse gegen dieselben seinen Ausdruck, so ist es erfreulich, daß diese Klasse unter den Juden nun aus ihrer Unthätigkeit allmälig her-. austritt und ihre Anforderungen bestimmt ausspricht. Freilich werden dieselben die Erfahrung machen, daß das kundgegebene Gefühl der Unbehaglichkeit, die allgemeinen An- und Aussprüche noch Nichts zu schaffen vermögen, daß es zur Begründung und Erzeugung der Hülfe von Männern bedarf, welche das Vorhandene und die Gesinnungen der Gemeinden wehr im Einzelnen kennen, welche durch ihren Lebensberuf den allmäligen Umbau zu leiten geeignet sind. Wenn daher die Klage gegen die nicht allen Wünschen rasch nachkommende Reform oft ungerecht wird, wenn man sich durch die Erfolglosigkeit der Ver, suche zur Selbsthülfe überzeugen wird, daß jener Hohn über die halbe Reform — wie er auch jetzt von manchen Seiten sich gerne gegen die Rabbinerversammlung ergießen möchte — blos das Produkt einer hohlen, unpraktischen Betrachtungsweise ist: so wird doch jene Theorie zu Schanden werden, welche das von der Wissenschaft längst gewonnene und siegreich durchgeführte Prinzip eines ununterbrochenen historischen Fortschrittes und der Berechtigung, welche das Glaubensbewußtsein der Gemeinden in Anspruch nehmen darf, mißbräuchlich und sophistisch dahier anwendete, daß ein jeder Ausspruch und eine jede Einrichtung, gegen welche der Unverstand sich auflehnte, nicht zeitgemäß sei, daß nur dann Reformen eintreten dürften, wenn das Wohl sie verlangte. Aber^ das Wohl druckt feine Anforderungen nicht in bestimmter- Formulirung aus, sein stiller,. aber laut genug redender Protest besteht in der Gleichgültigkeit, mit der es überlebte Vorschriften betrachtet, mit der es sie ignorirt, und wahrlich für diesen Protest muß der Mann des Berufes ein waches Ohr haben; wer in Sorglosigkeit und Schlummer verharrt, bis er durch den betäubenden Ruf aufgeweckt wird, der verdient nicht das Vertrauen, ein Führer zu sein. Wenn nun aber auch der Rabbiner, welcher dieses Namens würdig ist, durch höhere Einsicht in das ganze Gebiet der geschichtlichen Religion und durch liefern religiösen Ernst das viel weiter greifende Bedürfniß einer Umgestaltung und Neubelebung schmerzlich erkennt und zu solchem Wirken sich gedrungen fühlt, wenn auch der höher gebildete Nichttheologe gleichfalls ein solches Bedürfniß in sich selber wahrnimmt, ohne jedoch den vollen Ausdruck und die hinlänglichen Mittel dafür finden zu können: so werden doch Männer, denen es um wahre nützliche Wirksamkeit zu thun ist , nicht verkennen, daß dieses Bedürfniß noch keineswegs allgemein gefühlt wird, viel weniger zur Klarheit sich gestaltet hat, daß man noch keineswegs, wie man eigentlich sollte, in dem Jgnoriren ohne entschiedenes Ablehnen eine Irreligiosität, eine Verkrüppelung des religiösen Sinnes erkennt, daß die Freudigkeit an einem zur vollen Befriedigung führenden kirchlichen Leben noch erst geweckt werden muß, daß noch Vieles, das sogar ignorirt wird, dennoch als positiv verehrt wird, weil man anderswo den positiven Hakt noch nicht gewonnen hat. So muß daher auch die Reform und die Rabbinerversammlung, welche dieselbe vertreten und fördern will, so zu Werke gehn, daß sie dem Bedürfnisse, welches schon mehr zum allgemeinen Bewußtsein gekommen ist, zunächst Befriedigung verschafft, daß sie aber ferner die wahrhafte Tiefe des religiösen Sinnes durch geeignete Institutionen zu erschließen und die Hindernisse, welche sich entgegenstellen, allmälig zu beseitigen mitwirkt. Sie wird in dieser Weise allerdings blos Bruchstücke liefern und die vorgeblich konsequenten Wissenschaftler werden schadenfroh auf solche Halbheiten Hinweisen, dennoch wird sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.