Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1845)
- Date
- 1845-06-23
- Page
- Seite 384 (sequence 4)
- Language
- German
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884 geduld, weil die Gemeinden nicht gleich dutzendweise sich meldeten. Aber die Zdee des ReformvereinS war noch zu wenig durchgearbeitet, um einen wesentlichen Anhang schon erwarten zu können. Jahrelange Bemühungen durch Wort und Schrift und That hätten hier erst zu Resultaten zu führen vermocht. Ich will statt alles Weitern meine Ansicht über eine Synode mittheilen. Meines Erachtens kann eine solche nur bestehen aus Deputirten der Gemeinden des Vaterlandes. Nicht Deputirte eines Vereins aus Unterschriften: sondern es müssen die Gemeinden des Vaterlandes veranlaßt werden, Deputirte nach der Hauptstadt zu senden, welche zur Berathung der gemeinsamen Angelegenheiten zusammentreten. Diese Deputirte werden von den Gemeinden selbst aus ihrer Mitte gewählt, kleinere Gemeinden treten dabei zusammen. Diese Depytirte können Geistliche und Nichtgeistliche sein. Dieses allein verschafft eine gewisse Vorstellung von einer Synode, alles Andre ist vage und formlos. Daß aber demnächst eine Synode noch ein sehr fernes Ding füreine praktische Reform ist, sieht man leicht ab. Was bleibt uns demnach für praktische Reform für eine Instanz übrig? Ganz allein die Gemeinde selbst, oder richtiger: der Gemeindevorstand. Denn die Gemeinde selbst ist wieder ein so buntes Gemisch von Ansichten, und es kommt dabei zu sehr auf Individuen an, als daß wir sie im Allgemeinen als maßgebend annehmen können. Ja, Ln den Händen der Gemeindevorstände liegt die praktische Reform vorerst noch ganz und gar. Niemand ist wider deren Willen im Stande irgend eine Umgestaltung vorzunehmen. Ihre Autorität, wenn sie auch hier und da durch starke Opposition neutralisirt oder geschwächt wird, ist in der Regel die bestimmende, die vorherrschende. Die Wissenschaft, die Literatur, die Geistlichkeit können sich mühen und beugen wie sie wollen — ohne die Vorstände vermögen sie nichts, und was sie bewirken, wird lediglich durch die Hand der Vorstände verwirklicht. Dies, ja dies müssen wir in's Auge fassen. Und darum einerseits, auf die Vorstände zu wirken suchen, diese aus ihrer Unthätigkeit reißen, diese beleben und anfeuern. Und darum andrerseits die Gemeinden aufmerksam machen, immer von Neuem aufmerksam machen, bei der Wahl der Vorstände vorsichtig zu Werke zu gehen, und die rechten Männer an die Spitze der Gemeinden Jeschurun's zu bringen! (Fortsetzung folgt.) Breslau, den 10. Juni. Einige Ansichten über die nächste Rabbinerversammtnng. Von Dr. Abraham Geiger, Rabbiner in Breslau. Dritter Artikel. Reform ist das Losungswort, das in den Lagern Jfrael's vielfach erschallt. Eine gründliche Reform in der religiösen Anschauungsweise und der religiösen Praxis verlangt die Wissenschaft, welche dem bis vor Kurzem bestehenden Systeme manche Stütze entzogen, manche wankend gemacht hat, und besonders ist die bindende Kraft, welche die Autorität des Talmuds bis dahin in Besitz hatte, so in Frage gestellt, daß die einfache Begründung irgend einer Satzung mit deren darüber im Talmud befindlichen Vorschrift, welche früher über jedem Zweifel erhaben war, zu deren Erhaltung nicht im Entftrntesten mehr genügt. Allein eine vollständig begründete und nach ihren Folgen entwickelte Feststellung eines wissenschaftlich anzuerkennenden Prinzips der Reform und des Judeuthums läßt sich von einer Seite nicht erwarten; die Wissenschaft soll in ungehinderter Fortbewegung durch die Wahrheit und Gründlichkeit ihrer Behauptungen die Geister erobern, nicht aber durch Abstimmung sich äußerlich fixiren. Für das religiöse Leben ist das geschichtliche Bestehen, die tiefe Wurzel, welche eine Vorstellung und eine religiöse Verrichtung in den Gemüthern erlangt hat, selbst dann noch ein Hauptfaktor, wenn auch der Grund, worauf sie sich anfangs erbaut hatte, schon erschüttert ist, so lange in der Institution selbst ein lebenskräftiges Element besteht; nicht wer es vorgeschrieben und welche Berechtigung dem zukommt, der es eiogeführt, fragt das religiöse Gefühl, sondern wie viel Nahrung es daraus ziehen kann und welche andere anregende Elemente sich mit ihm so verschlungen haben, daß die Ablösung nicht ohne Verletzung dieser geschehen könnte. Auf gründliche Reform dringt aber auch ferner die tiefere religiöse Einsicht, welche nur dann ihre Befriedigung findet, wenn in Glauben wie Leben Nichts den Wahrheiten und Anforderungen widerspricht, welche die höhere Bildung, die ganze Errungenschaft des Geistes an die Gegenwart stellt. Auch sie ver-