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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-06-23 · Heft 26 (23.6.1845) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 26 (23.6.1845)
Date
1845-06-23
Page
Seite 383 (sequence 3)
Language
German
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383 Geschäfte geschlossen sind, unsre Synagoge den Geschäftsmännern wieder öffnen. VIII. Indem wir die Fortsetzung der, allerdings wichtigsten Ro. VII. einen Augenblick unterbrechen, und uns der, einer Zeitung zustehenden Freiheit, von der systematischen Entwicklung des Gegenstandes abzuschweifen, bedienen: drängt sich uns nämlich die Frage auf: wer ist insbeson-dre zur thatigen Ausführung der Reform berufen? Es giebt hier manchen Punkt, der noch nicht genug zum Bewußtsein gebracht worden ist. Zuerst faßt man bei dieser Frage gewöhnlich — die Rabbiner in's Auge. Lange Zeit schob man diesen den ganzen Sauerteig in die Schuhe. Von der Anstellung eines wissenschaftlich gebildeten Rabbinen erwartete arian alles Heil. Gingen dann die Erwartnngen nicht in Erfüllung — so war es derselbe Mann, den man der Indolen; anschuldigte. Die Diskussionen der Rabbinen auf dem Papiere waren den Meisten wieder zu gelehrt und zu kleinlich. Neuerdings hat man wieder die entgegengesetzte Seite herausgckehrt, indem man sagte: ja, die Rabbinen müssen zu viele Rücksichten nehmen, und sie erklären sich daher niemals geradezu und offen. — Indem man hier allerdings gar nicht berücksichtigt, daß der Geistliche überhaupt für die ganze Gemeinde da ist, und, die Seelsorge für Alle auf sich hat, sich daher auf einen höhern Standpunkt zu flellen hat, von dem aus rr das ganze geschichtliche Dasein Jsrael's übersieht,' und die Evolutionen der Gegenwart zwar in ihrer Nothwendigkeit, aber doch nur als Fortströmungen eines und desselben Geistes, nicht als Ansmündnngen erkennt, so daß ihm die Q-uellen und der bisherige Verlauf nicht minder in ihren Berechtigungen erscheinen: so kommt aber das ganz Wesentliche hinzu, daß der Rabbiner gar keine Macht hat, eine Reform, auszuführen. Die Macht liegt in den Händen der Gemeinde, Insbesondere der Gemeindevorsteher. Nun weiß man, wie eifersüchtig diese in der Regel auf ihre Autorität sind, und von welchen sonderbaren Grundsätzen, oft auch von gar keinen,- sie sich leiten lassen, so daß der willensstärkste Geistliche Nichts vermag, und sich in seinem Gewissen beruhigen muß, wenn er seine Vorschläge gemacht, wiederholt gemacht, und sich abgcwiesen sieht. Man hat daher zweitens seine Hoffnung auf die Rabbinerversammlnngen gesetzt. Man kann durchaus nicht beurtheilen, inwieweit dieses Institut wahrhafte Resultate hcrvorbringen wird. Es ist zu neu, zu jung, es ist noch zu wenig zahlreich besucht, und man hat es zu sehr an eine Parteistellung zu bringen versucht, als daß schon jetzt wesentliche Früchte zu erwarten ständen. Hierzu kommt, daß die jüdische Welt zu eifersüchtig auf ihre Autonomität, auf ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit den Rabbinen gegenüber ist/ daß die jüdische Welt die Nichtachtung, in die der Rabbinerstand versunken war, noch lange nicht genug los ist, um den Rabbinerversammlungen schon jetzt eine hinlänglich * große Pforte zur Wirksamkeit zu öffnen. Man hat es za neuerdings gesehen, wie diese Eifersüchtelei, diese Furcht, der Rabbinerversammlung irgend eine Autorität beizulegen, nicht bloß in den Reihen der Stabilen, sondern auch in denen der Reformsüchtigen vorherrscht. Man hat Denkschriften an die Rabbinervcrsammlung richten wollen, sich aber sofort dagegen verwahrt, ihrem Urtheil irgend eine wirkliche Entscheidung beizulegen. Welche also auch die Zukunft der Rabbinerversammlung sein wird: für jetzt kann sie wvl auf die praktische Reform wenig einwirken. Ein drittes Mittel boten die sogenannten Reformvereine dar. Diese haben sich bis jetzt für die Gesawmtheit nicht bewährt. Der frankfurter Reform- Verein war eher eine Vernichtung als eine Reform; er hatte keinen Boden und fand keinen Boden. Ter berliner Reformverein aber hat sich schnell von dem Boden, auf den er sich Anfangs gestellt, verloren; er begann mit einem Aufruf an die deutschen Glaubensgenossen, und sein erstes Werk ist, ein berliner Gottesdienst. So wichtig dies für die Theilnehwer alldort ist, so hat er doch damit seinen allgemeinen Charakter fürerst aufgegeben, und nur eine lokale Färbung behalten. Dies hat er um so mehr bewahrt, als er das Mittel, welches er selbst vorgeschlagen, auf das hin er die Unterzeichnung gefordert hat, die Synode, jetzt — nach so kurzer Zeit — unzweideutig selbst zurückweist. Wir müssen offen gestehen, daß uns dieser Leichtsinn schmerzt, und auch die erste gewichtige Waffe sein wird, welche der Verein seinen Gegnern in die Hand giebt. Der Verein hält jetzt eine Synode für unausführbar: warum bedachte er das nicht früher? In religiösen Angelegenheiten Etwas als das sicherste Heilmittel ausgeben, und es vier Wochen später als unausführbar, als „Chimäre" aufgeben — das stößt wenig Vertrauen ein. Und warum dies? Aus Un-

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