Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1845)
- Date
- 1845-06-23
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Was dem Iudenthume wesentlichen Nachtheil gebracht, und das Schwankende, Unsichere in dasselbe hineingebracht hat, war — die Entfernung von der Bibel, die die Mehrzahl nicht mehr kennt, ein andrer Theil nur durch das Prisma einer verschrobenen Exegese sieht. Darum muß das biblische Element als das Sanktionirte, Heilige, von jeder Partei Verehrte, ein Haupttheil des neuen Ritus werden, und ihm eine Grundlage geben, die von keiner Partei 'zurückgewiesen werden kann. Es ist das rechte Medium, wodurch das moderne Element der Predigt und des Liedes mit dem noch erhaltenen Theile des alten Gottesdienstes wahrhaft amalgamirt, organisch geeinigt wird. Was vom Prediger ausgeht, Predigt, Gebet, Lied, gilt der Gemeinde 'immer nur als Ausdruck des Individuums, der dem Allgemeinen, Fixen eingeordnet werden, aber Letzteres nicht absorbiren soll. Dabei ist das Biblische immer der höchste und potenzirteste Ausdruck des Religiösen, dem besonders die Eigenschaft einwohnt, sich als Allgemeines hinzustellen und dennoch sich subjektiv dem Individuum anzuschmiegen. Endlich darf sicherlich der antike Gottesdienst nicht gänzlich beseitigt werden. Es wird dies weder gelingen, noch ist es räthlich, noch ist es nothwendig, und daß sich hieran gerade die Erhaltung der hebräischen Sprache im Kultus anlehne, das Angemessenste. Der neue Gottesdienst hat hiermit den tüchtigsten Unterbau gewonnen, indem er das Antike und Biblische als das Sanktionirte und Herkömmliche sich aneignet, und darauf das Moderne, Wechselnde und Individuelle hinstellt. -Bei Gelegenheit werden wir die nöthigen Modifikationen an den Festtagen besprechen. — Einen zweiten Nachtrag geben wir zu dem in No. Ausgesprochenen über einen sonntägigen Gottesdienst. Kaum hatten wir dies dem Druck übergeben, als uns aus Frankfurt am Main Folgendes zukam. Der greise, viel verdiente Johlson hat in der „Frankfurter gemeinnützigen Chronik No. 10" diesen Artikel drucken lassen: Zur Beherzigung der israet. Herren Kaufteute. Durch die höchst daukenswerthen Bemühungen unseres verdienstvollen hochwürd. Herrn Rabbiners Stein und dessen lehrreiche Predigten ist nunmehr der Gottesdienst in der hiesigen Synagoge bereits so gehoben und veredelt, daß er zur Freude jedes Gebildeten wahrhafte Erbauung und Belehrung gewähret, religiöse Gefühle erweckt und somit herzliche Liebe und Ehrfurcht für alles Heilige und Sittliche einflößt. Um so beklagrnswerther ist nun aber der fast nicht zu entschuldigende Mißstand, daß so viele junge Leute, die sich dem Handelsstande widmen, von dieser Wohlthat größtentheils unwillkürlich ausgeschlossen. sind, weil sie von ihren Prinzipalen keine Erlaubniß zum Synagogenbesuch erlangen können.— Ist es doch gerade diese erwachsene Jugend, die eine gute Predigt zu würdigen und zu benutzen weiß und in ihrem Stand und Alter so nöthig hat, an heiliger' Stätte oft ermahnt zu werden, stets „Gott und sein heiliges Gebot vor Augen zu haben und in keine Sunde zu willigen," auf daß sie. Selbstbeherrschung üben, und aus Ehrfurcht vor Gott, dem Allerheiligsten, jeder Versuchung zum Bösen widerstehen und in Religion und Tugend standhaft beharren möge. Wenn im Drange der Zeitumstände die Herren Kaufleute von der strengen Sabbatfeier sich selbst dispensiren zu dürfen glauben, so sollten sie doch zu ihrer eigenen Ehre das kleine Opfer weniger Stunden nicht scheuen und vielmehr zum allgemeinen Besten ihre Untergebenen zum sabbatlichen Synagogenbesuch eifrigst anhalten. Ja, möchten sie doch bedenken, wie durch Unterlassung dieser heiligen Pflicht nur der Irreligiosität und Sittenlosigkeit Vorschub geleistet wird, und wie höchst traurig das Loos junger Leute sich gestalten mag, die von ihrem sechzehnten Jahre an von Gottesfurcht und Menschenliebe, von Religion und Sittlichkeit nichts mehr zu hören bekommen und in dem stürmischen klippenvollen Meere des Lebens ohne Trost und Glaubensmuth allen Gefahren, die das Heil ihrer unsterblichen Seele bedrohen, preisgegeben sind. Möchten diese wohlgemeinten Worte die gewünschte Würdigung finden! I. Johlson" So sehr wir die Absicht des Abfassers zu würdigen wissen, so glauben wir doch nicht, daß diese Worte den gewünschten Erfolg haben werden. Was die Herren Kaufleute,sich leider! selbst nicht gestatten, den Besuch des sabbatlichen Gottesdienstes, das gestatten sie noch weniger ihren, in den Geschäften nvthwendigen Dienern undLehrliugen. Wollen wir also diesen großen Theil unsrer Glaubensgenossen nicht ganz und gar dem Gottesdienste verlustig machen, und die traurigen Verwüstungen, die dies in unsren Reihen zur Folge haben wird, über uns ergehen lassen: so müssen wir uns schon zu einem Schritte weiter bequemen, und durch einen feierlichen und erweiterten Wochengottesdienst zu einer Zeit, wo die