Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1845)
- Date
- 1845-06-16
- Page
- Seite 376 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225415--06980-3236841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
376 beten Juden .gewählt und autvrisirt, legen wir Laien unser Judenthum in die Hände, nachdem wir unsere Wünsche und Hoffnungen, aber nur als solche, offen ausgesprochen und dieses Institut in den Stand gesetzt haben unseres Zustandes vollkommen bewußt zu werden. Und diese Synode soll uns das Judenthum in einer Form wiedergeben, in welcher sein ewiger Inhalt auf's Neue in uns fortzuleben fähig ist. Wir wollen wiederum mit dem Judenthum durch lebende Menschen, durch ein lebendiges Institut in Verbindung treten, und nicht mehr an todte Buchstaben, und ihrer eben so tobten abgeschlossenen Jnterprätation gefesselt sein. Ob die Mitglieder der Synode zu den Resultaten, die sie geben werden, durch das Studium der Geschichte des Judenthums, oder durch die Autorität des Pentateuchs, oder des Talmuds oder der späteren halachischen Werke, durch Sichtung oder durch wörtliche Annahme oder durch freie Jnterprätation gelangen werden, wir wissen es nicht. Es ist auch gleichgültig, welche positive Resultate die erste, zweite, ja die fünfte Synodalversammlung liefern wird, wenn sie nur bei ihrem ersten Zusammentreten sich dessen bewußt ist und es zum öffentlichen Bewußtsein bringt, daß durch sie das Judenthum aufgehört hat abgeschlossen zu sein, daß es durch.sie wieder zu leben beginnen soll und mit den Leben in Gegenwart und Zukunft fortzuschreiten berufen ist. Die Synode soll uns das Judenthum nicht lehren, sondern geben. Die Rabbinen als solche können dies nicht; sie sind verurtheilt, uns zu lehren, mit Achselzucken zu lehren, was sie uns zu geben weit entfernt sein möchten; sie stehen zwischen uns und dem Gesetz, als unfreiwillige Rechtsvertreter, die das harte Recht schmerzt, das sie aber dennoch sprechen rnüssen. Es ist in jetziger Zeit schon immoralisch geworden, Rabbinen mit Fragen zu drängen, wo sie gerne ungefragt bleiben möchten. Die Synode soll in einem andern, einem rein moralischen Verhältniß zu uns stehen, sie soll uns geben, was sie selbst — gleichviel ob durch Schrift, Leben, Tradition, Philosophie — .für das wahre, beseligende, für das echte Judenthum hält, dies in uns durch Sitten, Gebräuche, Gesetze, Zeremonieen, Vorschriften und Lehren — gleichviel wie weit sie an das alte anlehnt oder nicht — zu befestigen suchen. Sie soll mit uns fortleben und fortbestehen, sich selbst mit uns entwickeln und zu uns sprechen, nicht aus Büchern und Philosophemen, sondern aus dem Herzen und dem innigen religiösen Bewußtsein, das in ihr lebt und das seinen Wiederhall in uns finden wird, die wir aus dem Jndifferentismus und der Zerfallenheit herausgerüttelt worden sind, um das Positive zu erstreben, das wir den Kindern zu vererben gedenken, die uns der Allmächtige geschenkt*). Berlin,. 7. Juni. (Privatmitth.) Die hiesige Genossenschaft für Reform hat ein neues Schreiben als ein Begleitschreiben seines ersten Aufrufs erlassen, aus welchem wir Mehres hervorheben. Es heißt: In Einzelnen zum Bewußtsein erweckt, in einem engen Kreise geistverwandter Freunde besprochen und erwogen, sollte die Idee, dem betrübenden Verfall unseres religiösen Lebens durch kräftiges Zusammenwirken einer großen Gesammtheit, Einhalt zu thun, zuerst in unserer Nähe unter unseren Augen sich als eine zeitgemäße erweisen, bevor jene Gesammtheit für ihre Verwirklichung in Anspruch genommen würde. N Diese erste Probe, der wir unser Vorhaben glaubten unterwerfen zu müssen, ist bestanden, und es haben ssch uns bis heute in unserer Stadt etwa 300 Personen, — größtentheils Familienväter, angeschlossen. Auch aus der Ferne sind uns, sehr bald, und ohne unser Hinzuthun, vielfache Erklärungen des Beitritts, erhebende Beweise lebhafter Theilnahme und innigen Einverständnisses zugekommen, und aus diesem Erfolg schöpften wir höheren Muth und festeres Vertrauen zum Gelingen unseres Vorhabens." In der ersten Generalversammlung wurden als Vorstand gewählt: vr/Stern, C. Heymann, Ludw. Lesser, Ad. Meyer, M. Simion, Ph. Hellborn, I. N. Friedländer, 0r. F. I. Wehrend, A. Rebenstein, Jos. Wehrend, M. S. Bäswitz, Lion M. Cohn, I. Löwenherz, Dr. Waldeck sen., Dr. Bresler. — Ferner heißt es: „Wir wenden uns als Laien an Laien. Denn es gilt zunächst, daß das Bedürfniß nach einer Reform im Judenthum sich mit aller Entschiedenheit *) Was unser geehrter Korresp. Ln diesem Schreiben über die Stellung der Rabbinen sagt, erscheint uns als zu schroff aufgefaßt, und sprechen die Thatsachen jeden Tag vielfach dagegen. Redakt.