Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1845)
- Date
- 1845-06-16
- Page
- Seite 375 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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rrials, wir Laien, haben nur zu unseren Glaubensbrudem, den gebildetern deutschen gesprochen, ihnen unsere Befürchtung das überkommene Judenthum nicht vererben zu können mitgetheilt, und sie zu uns herangerufen, daß sie, wenn sie gleich uns fühlen, sich zu uns mit Namen bekennen mögen, um sodann in großer Gesammtheit die Gelehrten und Rabbinen, von denen wir wissen, daß sie uns verstehen, und unser Bedürfniß kennen, unsere Lage darstellen und , um es diesen überlassen zu können, was wir auszuführen nicht unternehmen wollen, noch dürfen. Anwahr sind demnach die Gerüchte,, daß wir uns vom Talmud losgesagt, wer mir dies sagt, der möge mir erst zeigen, wo wir auf den Talmud verpflichtet wurden. Wir Laien wissen von diesen Quellenstudien nichts, ja, was wir davon wissen, ließe sich eben so gut für uns wie gegen uns ausbrüten; wir haben nichts als den Kodex, die ■'■jw und diesen, das ist unser ganzes Wagniß, haben wir für kein „unveränderliches Gesetzbuch" betrachtet. Alles anbere was wir gesagt haben ist nichts ein Glaubensbekenntniß, sondern wenn Sie es durchaus wollen, ein Sündenbekenntniß, öder besser ein Geständniß, ob gut ob übel, wir wissen es nicht, aber ein wahrhaftes, mit dem wir vorangegangen, als Patienten, die ihre Krankengeschichte und Krankenzustand offen darlegen und die für den ernsten Arzt, auf den wir Hinweisen, eine Aufforderung zum reiflichsten Nachdenken und Studium, nicht zum frömmelnden Verdammen sein muß. — Wie thöricht also ist es, wenn man uns jetzt, die Abschaffung der Beschneidung, die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag u. dgl. andichtet. Hätten wir über solche Fragen den Stab gebrochen, so würden wir nicht die Erhaltung des positiven Judenthums so in den Vordergrund unserer Bestrebungen gesetzt, nicht auf eine Synode hingewiesen haben, deren größter Bestandtheil ohne Zweifel von Rabbinen reprasentirt sein wird, und die, wie wir vollkommen sicher voraussehen, ihre Aufgabe zunächst mehr im Befestigen als im Auflösen suchen wird. Wie aber soll all den Mißverhältnissen zwischen Leben und Religion hierdurch abgeholfen werden können? Ich gestehe, daß diese Frage allein eine Verständigung nöthig macht, sie. ist aber für denjenigen leicht, der die Judenheit und ihr Leben und das Judenthum der Gegenwart und seine Existenz kennt. Die Judenheit und ihr Leben, sind nie bewegter, niemals vorwärts drängender -gewesen als jetzt; das Judenthum nie erstarrter, nie versteinerter. Wahrend das Leben der Gegenwart mehr und mehr in der gesammten Judenheit Platz greift und seine Forderungen geltend macht, während es in der-großen Mehrzahl der Gebildeten faktisch das rabbinische Judenthum (und ein anderes haben wir nicht) bald völlig in den Hintergrund gedrängt hat, ist das Judenthum selber unerschütterlich fest und starr und ist selbst in Punkten, wo fast die gesammte Judenheit durch, die Thatsache bereits abgeurtheilt hat in seinem geschloffenen System nicht um ein Haar gewichen. Um nur ein ganz gewöhnliches Beispiel (das fast absurd klingt) zu erwähnen: man nenne mir diejenige deutsche Gemeinde, in welcher sich nicht neunundneunzig von hundert rasiren und nenne mir einen Rabbinen, der es gestatten möchte. Es liegt nicht an diesen; sie können und dürfen nicht anders, wenn sie nicht das ganze steinerne System, das sie umschließt, zertrümmern. Nicht an Freimuth fehlt es ihnen — fehlt es ja gegenwärtig sogar an Frechheit nicht — sie sind, wenn wir ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen sollen, nicht im Stande, auch nur einen Schritt nachzugeben. Es hat wahrlich an freisinnigen Ansichten und Wünschen in der Rabbinerversammlung nicht gefehlt, die praktische Frage, ob man sich rasiren darf? wäre aber sicherlich durchgefallen. Seit dreihundert Jahren (merkwürdig genug feit Verbreitung der Buchdruckerkunst und der älteren und neueren halachischen Schriften in unzähligen Exemplaren) hat alles selbstständige Leben völlig aufgehört, das Judenthum ist verbrieft und versiegelt und selbst in den kleinsten und kleinlichsten Fäserchen zu einem großen Gewebe herangewachsen — die wichtigsten Elemente des Glaubens und des religiösen Lebens umspinnend, ein Gewebe, das bei dem jetzigen Stand der Dinge und dem Prognostikon der Zukunft, entweder einmal gewaltsam durchriffen, oder das in jenen im alten Katholizismus geltenden immoralischen Grundsatz der strengen Theorie und der milden Praxis, der Vermehrung wird Preis gegeben werden müssen. Beide Fälle werden Sie als Nebel anerkennen und gewiß mit mir übereinstimmen , wenn ich die Losung von einer Synode hoffe. Einer Synode von Berufenen, durch eine große Gesammtheit der gebil-