Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1845)
- Date
- 1845-06-09
- Page
- Seite 355 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225414--06958-3236818- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
355 aus. Man lese nur einen „HZ Berliner" Artikel der Deutsch. Allg. Zrg. No. 139. Was und wie im Jndenthume reformrrt werden soll? (Fortsetzung.) 11. Der öffentliche Gottesdienst. Auch auf diesen ist unser Grundsatz anwendbar: unser Gottesdienst muß biblischer werden. Das moderne Element des Gottesdienstes ist: die Predigt und das Lied in der Muttersprache. Beides allein genügt nicht für den ifrael. Gottesdienst. Denn die Predigt und das Lied sind Produkt des Individuums, und lediglich individuell gehalten, so daß sie nicht genugsam das' Allgemein-Israelitische zu vertreten, und den Ausdruck des AllgemeimIsraelitischen zu geben vermögen. Sie sind beide das Zufällige, Abhängige, und der Stock des Gottesdienstes muß immer ein Bestimmtes, Unabhängiges, Selbstständiges sein, an das sich Jenes anlehne. Das antike Element des Gottesdienstes ist: s) Biblisches, welches wiederum theils Vorlesung, die stetig einen Jahreszyklus durchmacht, theils Gebet ist, das stetig ist; b) Späteres, theils in hebräischer Sprache aus den verschiedensten Zeiten, theils in aramäischer Sprache, Alles aber, je nach dem Werthe des Tages, stetig. Der antike Gottesdienst besteht also ganz allein aus Stetigem, Tag für Tag Wiederkehrerdem, und dabei zu einer Ungeheuern Ausdehnung — man bedenke, daß;. Ban Rosch Haschanah der Gottesdienst von 5—12 Uhr dauert — Gediehenem. Die Vorlesung ist auf die fünf Bücher Moschch und einige Kapitel aus den Propheten beschränkt, so daß diese Vorlesung einen großen Zeitraum ausfüllt, und doch dabei einen großen Theil der Bibel ansschließt. Der antike Gottesdienst ist dabei ganz und gar in der hebräischen und aramäischen Sprache. Dieses Ewigdassclbige, dabei zu einem großen Theile der immensen Mehrheit Unverständliche ist der Jetztzeit nicht erträglich, wozu allerdings kommt, daß auch Vieles, was in den verschiedenen Zeiten sich abgesetzt, gerade unpassend und den Grundsätzen der Religion widersprechend ist. Wenn also das moderne Element nicht genügend ist, weil es zu individuell, zu abhängig und zu wechselnd ist, dagegen der antike Gottesdienst zu stabil, zu unverständlich, zu wenigen Wechsel des Gedanken.- und Gefuhlstoffes darbieteud ist: so kommt es nur darauf an, beide Elemente angemessen zu verschmelzen. Hier bietet uns einen höchst geeigneten Stoff, einen herrlichen Ausweg dar: die Einführung der ganzen heiligen Schrift in unfern Gottesdienst. Gerade dadurch vermögen wir ein Bestimmtes, Selbstständiges, Unabhängiges, Sanktionirtes dem modernen Elemente des Gottesdienstes zu amalgamiren, und das deunoch einen größern Wechsel des Stoffes^ uns gestattet. Gehen wir näher darauf ein. Aus dem antiken Gottesdienste sind zu streichen: säwmtliche Piutim, Iozroth ff., welche ganze Masse zu unverständlich, zu fremdartig und zu sonderbar ist, um Gebetausdruck des Individuums so wie der ganzen Synagoge sein zu können. Zu streichen ist die Wiederholung der 5>wiz) oder welche Wiederholung zwecklos, ermüdend und zeitraubend ist. Zu reduziren ist die Vorlesung aus der Tora von einem einauf eium dreijährigen Zyklus. Zu reduziren ist der stabile Theil des Gottesdienstes am Morgen so, daß er mit ttäniü'', resp. mit erst anfängt. Daß auch innerhalb dieses übrig bleibenden Theiles des stabilen Gottesdienstes die aramäischen Stücke zu entfernen und einzelne Modifikationen vorzunehmen sind, zeigt uns das Gebetbuch des Hamburger Tempels. - Alle diese Veränderungen tasten, wie man sich leicht überzeugen kann, die Grundformen unsres Gottesdienstes nicht an, sie halten zugleich den Grundstock des stabilen Gottesdienstes fest, geben überhaupt einen hinlänglichen Theil von stabilem, nicht wechselndem Gottesdienste, und gestatten dennoch die Einführung des modernen Elements und von wechselnden, biblischen Theilen vermittelst großer Zeitersparniß. Alle diese Theile aber aus dem antiken Gottesdienste müssen in der hebräischen Sprache erhalten werden, sowol um die hebräische Sprache überhaupt in unserm Gottesdienste zu erhalten, als auch um diesen stabilen Theilen des Gottesdienstes die Ehrfurcht und Andacht der heiligen Sprache und^ des Alterthums zu erhalten. In diesen erhaltenen Theil des antiken Gottesdienstes soll nun treten: 1) das moderne Element der Predigt und eines Liedes vor und nach derselben. Jeder Erfahrene wird einräumen, daß die Predigt so lange ein heterogenes, fremdes Element bleibt, so lange der antike Gottesdienst in seiner Ausdehnung erhalten wird. Beide vereinigt, stellen sie sich nur in den Schatten; entweder verdrängt die Predigt den Werth des antiken, stabilen